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TPCast für HTC Vive im Test: Wie gut ist die EU-Version?

von Matthias Bastian12. November 2017

Der Drahtlosadpater TPCast für HTC Vive hält, was er verspricht: Er macht die VR-Brille fast ohne Qualitätseinbußen kabellos. Der Aufbau ist komplex, das Gerät ist teuer – aber das Ergebnis beeindruckt.

Beim Test der China-Version bemängelte mein Kollege Christian Steiner Mitte August noch gelegentliche Aussetzer und Ruckler bei schnellen Bewegungen. Ähnlich berichtete VR-Reporter Jan-Keno Janssen bei Heise anhand der Asia-Version.

Die EU-Version von TPCast mit aktueller Software läuft hingegen – zumindest in meiner Testumgebung – durchgängig stabil. Die Übertragung funktionierte bei einem mehrstündigen Test in einem gewöhnlichen Arbeitszimmer auf circa 3,5 mal 3,5 Meter tadellos.

Ganz selten wurden Bildartefakte sichtbar und dann auch nur für wenige Sekunden. Eine zusätzliche Latenz war zu keinem Zeitpunkt spürbar. Selbst bei übertrieben wildem Herumgezappel funktionierte das Tracking verlässlich.

Ausnahme: Es läuft parallel ein Download oder eine Installation bei Steam VR, dann beginnt eine wilde Flimmerei trotz Kabelinternet. Außerdem ist der Aufbau recht sensibel: Router und Transmitter reagieren sehr genau auf die Ausrichtung und sollten möglichst wie in der Anleitung beschrieben positioniert werden.

Zeigt der Transmitter beispielsweise zur Decke statt direkt auf die Trackingfläche, kommt es zu vielen Aussetzern. Wer den Transmitter auf ein Lichtstativ schrauben will, benötigt demnach ein Kugelgelenk oder eine vergleichbare Lösung.

Massiver Präsenzverstärker

Das Kabel los zu sein, ist eine wahre Befreiung, die sich viel positiver auswirkt, als man es in der Theorie annehmen würde. Nicht mehr am PC zu hängen und das Gewicht des Kabels am Hinterkopf zu spüren, fördert das Präsenzgefühl in der Virtual Reality stark. Kabellos-VR wird in dieser Qualität zweifelsohne ein wichtiger Bestandteil der nächsten Generation VR-Brille werden.

Das “Ich-bin-wirklich-hier-Gefühl” ist ohne Kabel stark verbessert.

Insbesondere in engen Umgebungen – beispielsweise bei ausgewählten Photogrammetrie-Welten von Valve und Realitites oder dem VR-Kultspiel Job Simulator – in denen man nicht so schnell in die Grenzen des Trackingbereichs hineinläuft, ist das “Ich-bin-wirklich-hier-Gefühl” außerordentlich gut.

Bei bewegungsintensiven Spielen wie dem Cyber-Sport Racket: Nx oder Superhot VR, bei denen man sich häufig um die eigene Achse dreht, sorgt TPCast für viel mehr Bewegungskomfort. Bei der kabelgebundenen VR-Brille nervt hier zusätzlich, das man sich nach einiger Zeit im Kabel einwickelt und es hinterher wieder aufdröseln muss.

Klar ist, dass sich die Entdrahtung von HTC Vive nur lohnt, wenn man intensiv Room-Scale-VR nutzen möchte. Wer ohnehin lieber sitzen bleibt, wird sich am Kabel nicht weiter stören.

Komplexer Aufbau, hoher Preis

Beim wichtigsten Aspekt, der Übertragungsqualität, hat TPCast seit unserem China-Test offensichtlich nachgebessert. Zwei grundlegende Kritikpunkte bleiben jedoch bestehen: Der komplexe Aufbau und der hohe Preis über rund 350 Euro. Das ist happig, für das gleiche Geld gibt’s zum Beispiel fast eine Playstation VR.

Zum Aufbau: Bis ich die VR-Brille das erste Mal drahtlos tragen konnte, vergingen rund 45 Minuten. HTC Vive muss mit dem Drahtlosempfänger neu verkabelt werden, außerdem müssen der mitgelieferte 60-GHz-Drahtlos-Router und der Video-Transmitter aufgebaut und die Software eingerichtet werden. Einstecken und loslegen geht anders.

Zugutehalten kann man TPCast ein informatives Video-Tutorial sowie die detaillierte deutsche Anleitung. Die Konfiguration benötigte zwar etwas Zeit, lief aber letztlich problemfrei.

Am störendsten am TPCast-Aufbau ist der Video-Transmitter, der hoch und mittig über der Trackingfläche positioniert werden muss – diese Positionierung ist alternativlos, sonst funktioniert die Übertragung nicht. Der Transmitter sondert außerdem im Standby-Modus einen nervig hohen Fiepton an, der Menschen mit feinem Gehör stören wird. Das Geräusch wird man nur los, indem man den Stecker zieht.

Der Trend geht zum Zweitakku

Der beigelegte Anker-Akku hält mit 20.100 mAh circa vier bis fünf Stunden durch, lädt aber doppelt so lange. Wer HTC Vive intensiv nutzt, muss seine Sitzungen also entlang der Ladedauer planen oder einen zweiten Akku kaufen. Der Preis liegt bei rund 40 Euro. Der 350 Gramm schwere Akku wird an der Hüfte getragen und mit der Brille verkabelt, eine Gürtelhalterung liefert TPCast mit.

Perfektionisten werden eine feine grüne Linie am äußeren Rand des Sichtfelds bemängeln, offenbar ein bekanntes Problem bei einem maximierten Sichtfeld. Im Normalbetrieb fällt der Strich jedoch fast nie auf.

Ein weiterer Kritikpunkt: Standardmäßig unterstützt TPCast weder die in HTC Vive verbaute Kamera noch das Mikrofon. Im Internet findet man dafür inoffizielle Firmware-Modifikationen. Ob man sich bei so einer teuren Hardware auf diese einlassen möchte, ist eine andere Frage. Da es offenbar rein technisch funktioniert, wäre offizielle Unterstützung wünschenswert.

Fazit: Tolles und teures Zubehör für Enthusiasten

Das Fazit bleibt gegenüber dem Test der China-Version unverändert: Drahtlos-VR wertet das Virtual-Reality-Erlebnis deutlich auf, insbesondere bei raumfüllenden 360-Grad-Anwendungen.

Aufgrund des hohen Preises und der aufwendigen Installation eignet sich TPCast jedoch nur für Room-Scale-VR-Enthusiasten, die das Kabel unbedingt vor der nächsten Generation VR-Brille beseitigen möchten. Nervig ist der Positionszwang für Transmitter und Router, denn beide Geräte lassen sich ästhetisch kaum als interessante Einrichtungsgegenstände verargumentieren.

Eine TPCast-Version für Oculus Rift soll bis Ende des Jahres erscheinen. Weitere Fragen beantworte ich gerne in den Kommentaren.

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