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Die VRSE-App für Android und iPhone zeigt erste Virtual-Reality-Kurzfilme und Reportagen. "Clouds over Sidra" ermöglicht den virtuellen Besuch eines jungen Mädchens im Flüchtlingslager in Jordanien.

Das Unternehmen VRSE.works experimentiert mit neuen Konzepten für Dokumentationen speziell für Virtual Reality. Die kostenlose VRSE-App, über die man die ebenfalls kostenlosen VR-Dokus runterladen kann, ist sowohl für Android als auch iOS verfügbar und kompatibel mit Googles Cardboard und vergleichbaren Smartphone-VR-Brillen. Mit-Gründer von VRSE ist Chris Milk, erfolgreicher Künstler und Regisseur, der in seiner bisherigen Laufbahn in erster Linie Musikvideos für namhafte Bands produziert hat.

Gefangen im Flüchtlingslager mit Za’tari

Die Spanne des Angebots reicht von künstlerisch inszenierten Kurzfilmen bis hin zu VR-Musikvideos. Für den Journalismus sind insbesondere neue Formate der Berichterstattung interessant. Besonders beeindruckend ist die virtuelle Reportage “Clouds over Sidra”, die in Zusammenarbeit mit der UN produziert wurde. In der Reportage wird man von dem jungen Flüchtlings-Mädchen Za’atari in ihrem “Zuhause”, einem Flüchtlingscamp in Jordanien, herumgeführt. Während Za’tari die Umgebung erklärt und aus ihrem Alltag berichtet kann sich der Nutzer frei umsehen. Schnell vergisst man, dass man eigentlich in seinem Wohnzimmer sitzt und nicht bei Za’tari zu Besuch ist. Man fühlt sich als sei man direkt vor Ort, auch wenn die Protagonisten (noch) nicht auf die eigene Präsenz reagieren. Man ist zum Zuschauen verdammt.

Am Ende des Films bilden die Kinder des Camps einen Kreis um den unsichtbaren virtuellen Besucher und fassen sich an den Händen, eine Szene, die dem Zuschauer in Erinnerung bleibt und die in einer Intensität erlebt wird, die über eine herkömmliche Reportage kaum transportiert werden kann. Ein gewollter Effekt der Macher des Videos, die durch solche Reportagen mehr Empathie für die Missstände der Flüchtlinge erzeugen wollen.

Mittendrin in einer Demonstration in New York

Ein ähnlich intensives Erlebnis bietet die VR-Reportage “Vice News VR: Millions March”, bei der Milk und Co. einen 360-Grad-Film einer Demonstration gegen Polizeibrutalität in New York filmten. Als Zuschauer begleitet man die Reporter beim Gang durch die Menschenmasse und probiert die neue Freiheit aus. So folgt der Blick entweder der vorgegebenen Kameraeinstellung, die eine Dramaturgie ähnlich einer Nachrichtensendung aufbaut, oder man schaut sich abseits der Inszenierung um. Wie ist der Gesichtsausdruck der Menschen links und rechts von mir? Sind sie ängstlich oder voller Zorn, emotional oder teilnahmslos? In der virtuellen Reportage kann der Zuschauer ein deutlich besseres Gefühl für die Situation und Stimmung vor Ort entwickeln als es bei der klassischen TV-Berichterstattung möglich ist.

Meine Hoffnung ist, dass Virtual Reality das Medium ist, das wir brauchen, um mehr Mitgefühl füreinander zu entwickeln. Ich denke, Virtual Reality hat das Potenzial den Journalismus grundlegend zu verändern. Chris Milk gegenüber VICE News

Gemeinsam mit der New York Times hat Chris Milk eine weitere VR-Doku umgesetzt – bei “Walking New York” geht es um die Geschichte eines Immigranten, der mit seinem speziellen Laufstil einen Künstler dazu inspirierte, ein besonders Kunstwerk auf einem Bürgersteig zu verewigen. Die Doku schaut hinter die Kulissen und stellt das Projekt vor.

Ist Virtual Reality die erhoffte “Empathiemaschine”?

Spannend bleibt die Frage, ob Virtual Reality im Journalismus überhaupt Potenzial hat. Natürlich spielen auch Produktionsaufwand und insbesondere die Kosten eine große Rolle. Erst wenn das neue Medium ins Alltagsgeschäft integriert werden kann und es genug Nutzer mit VR-Brillen gibt, wird Virtual Reality wirklich interessant. Auch die Werkzeuge müssen ausgereift sein. Daran arbeitet unter anderem Journalismusforscherin Nonny de la Pena, die glaubt, dass Virtual Reality auch für News und kurze Berichte funktionieren kann. Bis dahin bleiben Experimente wie die von Chris Milk, die zeigen, wie sich Reportage und Dokumentation weiterentwickeln können und wie gutes Storytelling in der virtuellen Realität funktionieren kann. Vielleicht wird Virtual Reality eines Tages wirklich zur “Empathiemaschine” (Chris Milk) für den Journalismus. Darauf hoffen beispielsweise die Macher einer VR-Doku über die Opfer des Erdbeben in Nepal, die mit dem neuen Medium Menschen dazu bewegen wollen, zu spenden. Auch Tier– und Umweltschutzorganisationen setzen schon auf den Empathiefaktor, den Wissenschaftler aus Stanford in ersten Experimenten bereits bestätigen konnten. Lorenz Matzat, Datenjournalist und Grimme-Online-Award-Gewinner, ist jedenfalls vom neuen Medium überzeugt und sagt im Interview mit uns: “Virtual Reality ist das ultimative Medium.”

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