Eine kanadische Wissenschaftlerin untersucht, ob und wie sich Virtual Reality auf unser Traumverhalten auswirkt.
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Virtual Reality: Beeinflussen Oculus Rift und Co. unsere Träume?

von Matthias Bastian20. September 2016

Dass die Flimmerkiste und speziell das Videospiel unsere Wahrnehmung verändert, das befürchten besorgte Eltern schon seit Jahrzehnten. Im Kontext von Virtual Reality muss diese Diskussion erneut geführt werden.

Wer als Kind ein paar Stunden am Stück vor der Konsole oder dem PC saß, kennt den Effekt: Die Titelmelodie des Lieblingsspiels oder bestimmte Soundeffekte klingen noch lange im Ohr nach. Anstatt mit der Hand nach dem Glas Wasser zu greifen, sucht man impulsiv nach dem A-Knopf, um die Aktion durchzuführen. Und wenn man die Augen schließt, sieht man auf der Netzhaut noch einzelne Szenen aus der Spielewelt, die ein Eigenleben entwickelt haben. Obwohl die virtuelle Realität mit einem Druck auf den Ausknopf am Gerät beendet wurde, arbeitet sie in unserem Gehirn weiter.

Wenn 2D-Inhalte auf der Mattscheibe bereits eine solche Wirkung entfalten können, wie stark vermischen sich in unserem Kopf virtuelle und bekannte Realität bei Virtual-Reality-Anwendungen?

Können VR-Nutzer Träume besser kontrollieren und erinnern?

Jayne Gackenbach ist Psychologin an der MacEwan Universität in Kanada. In 2009 suchte sie erstmals nach möglichen Zusammenhängen zwischen digitalen Spielen und Träumen.

Dabei fand sie heraus, dass Nutzer von elektronischen Geräten – ganz besonders Spieler – eher bewusst und kontrolliert träumen als Nicht-Spieler. Gackenbach führt das darauf zurück, dass die häufige Nutzung interaktiver Medien Hirnstrukturen verändert. Ihre neue These lautet: Virtual-Reality-Anwendungen könnten sich noch intensiver auf unser Traumverhalten auswirken.

“Wir spielen mit den Realitäten der Menschen. Wohin wird das führen?” Jayne Gackenbach ggü. The Atlantic

In einer ersten Studie befragte sie 77 VR-Nutzer aus aller Welt, 68 davon männlich. Das Durchschnittsalter der Probanden lag bei 33 Jahren. Die Ergebnisse wurden mit Berichten aus einer Kontrollgruppe abgeglichen, die keine Games oder VR-Anwendungen nutzten. Die Studienteilnehmer berichteten von intensiveren und kontrollierten Träumen, wenn sie sich zuvor in der Virtual Reality aufhielten.

“Ich scheine meine Träume besser kontrollieren zu können und bin mir auch eher darüber bewusst, dass es ein Traum ist”, sagt einer der Teilnehmer.

Lies dazu auch: Überträgt sich in Virtual Reality gelerntes Verhalten in die bekannte Realität?

Eine mögliche Erklärung für dieses Phänomen: Virtuelle Welten erinnern häufig an traumähnliche Umgebungen, sind surreal oder erlauben Erlebnisse, die in der bekannten Realität unmöglich sind. Menschen, die besonders häufig, intensiv und bewusst in diese Welten eintauchen, trainieren möglicherweise ihr Gehirn darauf, Träume ähnlich zu betrachten und zu manipulieren wie ein Videospiel.

Patric McNamara, Neuropsychologe von der Boston Universität, bezeichnet Virtual Reality als “Simulationsmaschine, die wie das Gehirn funktioniert”. Ein VR-Gerät würde das Gehirn in einen Zustand ähnlich der REM-Schlafphase versetzen: eine Simulation, die nicht durch äußere Einflüsse korrigiert werde. “Das macht es einfacher, Erlebnisse abzurufen, die unter ähnlichen Bedingungen aufgetreten sind.”

“People want to know what’s real—to elevate their consciousness within reality, regardless of which state of reality they happen to be experiencing at a particular time. And reality, seemingly, wants to keep the truth of itself a mystery—as if the right to know more will remain assumed until earned. To that end, one way or the other, virtual reality will serve to illuminate our emotional investments in this life—whether it’s in waking, dreaming, or played reality. How exactly is still very much unfolding, but a rift is coming.” Jayne Gackenbach in DreamTime Magazine, Mai 2016

VR wirkt möglicherweise rückwirkend und verändert Erinnerungen

In einem weiteren Experiment zeigte Gackenbach, dass dieser Effekt offenbar auch nachträglich wirken kann. Eine Gruppe Oculus-Rift-Nutzer spielte 15 Minuten ein Rennspiel in VR und wurde anschließend darum gebeten, den Traum der letzten Nacht zu beschreiben. Die Kontrollgruppe spielte das gleiche Rennspiel, allerdings ohne VR-Brille.

Die Rift-Nutzer beschrieben ihr vergangenes Traumerlebnis als besser kontrollierbar und klarer im Vergleich zu Spielern aus der Kontrollgruppe, die kein VR-Gerät nutzten. Der Test wurde eine Woche später ohne Oculus Rift wiederholt – und der Unterschied verschwand.

Gackenbach sieht das als Hinweis darauf, dass man Erinnerungen von Menschen verändern kann, wenn man ihre im Wachzustand wahrgenommene Realität abwandelt. “Je mehr man davon ausgeht, dass man in einer bestimmten Realität ist, desto stärker verändert das die Erinnerung an andere Realitäten.”

| Featured Image: Pixabay | Via: The Atlantic