Virtual Reality bei Arte: Der Hype um die Präsenz erschöpft sich auf Dauer
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Virtual Reality bei Arte: Der Hype um die Präsenz erschöpft sich auf Dauer

von Matthias Bastian29. September 2016

Kay Meseberg hat eine anspruchsvolle Aufgabe: Er soll Arte in die Virtual Reality führen. Seit 2013 beschäftigt er sich bei Arte mit der Umsetzung von Inhalten in 360-Grad und dem Potenzial der virtuellen Realität für das Storytelling. Im Interview spreche ich mit ihm über 360-Videos als Brückentechnologie, Empathie im Journalismus und die mögliche Zukunft von immersiven Medien.

Arte bietet bereits zahlreiche Angebote im Bereich Virtual Reality. Auf der Web-Plattform Arte 360 VR gibt es mit Cardboard kompatible 360-Videos. Die gleichen Inhalte kann man sich mittels App für Android, iOS oder Gear VR direkt auf das Smartphone laden. Für Gear VR gibt es auch die Arte-App Notes on Blindness, eine gerenderte VR-Erfahrung, die sehenden Menschen einen Eindruck davon verschafft, wie es sich anfühlt, blind zu sein.

VRODO: Wie ging es bei Arte los mit dem Thema Virtual Reality?

Kay Meseberg: Das ging von einer redaktionellen Idee aus. Wir hatten das vom ZDF initiierte Projekt namens “Polar Sea 360°”, bei dem der Zuschauer mehr über den Klimawandel lernen sollte. Dafür produzierten wir mehrere 360-Grad-Videos. Parallel dazu ist die Oculus-Rift-Brille bei Kickstarter ein großer Erfolg geworden.

Wir haben dann ein eigens dafür produziertes 360°-Video mit der Rift-Brille gezeigt und dafür sehr gutes Feedback bekommen. Das hat uns dazu gebracht, intensiver mit VR zu arbeiten. Anschließend haben wir die Arte VR-Plattform ins Leben gerufen und eine App samt Web-Plattform entwickelt.

VRODO: Sie hatten das 360-Video bereits vor dem neuerlichen VR-Hype?

Kay Meseberg: Ja. Das war schon immer ein Thema, früher beispielsweise bei der BBC. Aber mit der VR-Brille ist die Wirkung deutlich besser. Das hat zusammengepasst.

Die Kernfrage ist immer, wie interessiert man den Zuschauer für den Inhalt. Kay Meseberg, Projektleiter Arte 360/VR

VRODO: Ist denn für Sie ein 360-Video schon VR?

Kay Meseberg: Wir sprechen eigentlich immer von Immersion: Wie zieht man den Zuschauer in eine Geschichte? Das ist die alte Idee von Geschichtenerzählern, den Zuschauer in den Bann der Geschichte zu ziehen.

Im Kinosaal wird der Saal abgedunkelt und die Leinwand flimmert, im Theater gibt es ähnliche Möglichkeiten, im Film gibt es Schnitte. Die Kernfrage ist immer, wie interessiert man den Zuschauer für den Inhalt. Da setzen wir auch mit 360-Video und in VR an. Man sitzt jetzt in der Geschichte, wechselt die Perspektive; das Video ist interaktiv, denn der Zuschauer kann den Blickwinkel verändern, indem er den Kopf dreht.

Für den Anfang ist 360-Video super, denn es ist einfach und funktioniert und hat den Play-Button, den man schon kennt. Ich sehe 360-Videos als eine Brückentechnologie für VR. Die Idee der Virtual Reality – und so verfolgen wir sie auch – ist, dass man im VR-Raum ist und sich dort nativ und interaktiv bewegt.

VRODO: Wie sieht die Zukunft von 360-Video aus?

Kay Meseberg: Ich glaube, dass es zwei Achsen gibt. Die eine Achse ist, dass es immer einfacher wird, 360-Videos zu produzieren und live zu streamen. Dass was das Selfie heute ist, könnte sich auch für den 360-Markt entwickeln.

Die zweite Achse ist eine qualitativ hochwertigere Variante, wo sich Virtual Reality, Augmented Reality, Mixed Reality und Game Reality mischen. Da befindet man sich in einem Raum, der real gefilmt oder auch computergeneriert sein kann und in dem man Geschichten interaktiv erfahren kann, beispielsweise verändert sich die Handlung anhand der Blickrichtung.

Dort vermischen sich die Elemente, die man aus Games und aus Filmen sowie dem TV kennt. Man kann die Stärken der verschiedenen Medien zusammenbringen.

Themen aus den Bereichen Entdeckung oder Fiktion funktionieren sehr gut. Kay Meseberg, Projektleiter Arte 360/VR

VRODO: Solche Anwendungen müssten in Engines programmiert werden. Der Journalist kennt Text, Foto und Video. Programmieren kann er meist nicht. Glauben Sie, dass Redaktionen zukünftig stärker technisch orientiert einstellen müssen?

Kay Meseberg: Im Low-Budget-Bereich sehe ich da kein Problem, da wird es Werkzeuge geben, mit denen man das einfach bewerkstelligen kann. Für hochwertige Inhalte erwarte ich längere Produktionszeiten, da VR besonders komplex ist. Allein im Bereich Sound gibt es extrem viel zu beachten.

VRODO: Gibt es bestimmte Themen, die sich besonders gut für den VR-Journalismus eignen?

Kay Meseberg: Themen aus den Bereichen Entdeckung oder Fiktion funktionieren sehr gut. Bei Konzerten hatten wir auch sehr gutes Feedback. Bei den auch sehr gut funktionierenden Projekten aus dem Bereich Journalismus wie beispielsweise die Produktion Süd Sudan haben wir festgestellt, dass man gerade bei einem journalistischen Zugang sehr überlegt mit der Empathie, die der Inhalt vermittelt, umgehen muss. Denn Empathie kann sich viel stärker als in den bekannten Formaten positiv auswirken aber auch negativ.

VRODO: Wie sieht es mit der Objektivität in der Berichterstattung aus? Ist die VR-Erfahrung maximal subjektiv oder objektiv?

Kay Meseberg: Das ist eine Frage der Inszenierung. Man kann auch in VR verkürzen, Nachrichtenwerte ausarbeiten und die Botschaft konkretisieren. Aber man muss es anders machen, weil man die Präsenz des Nutzers in einem Raum schafft. Die Experimente von Nonny de la Peña halte ich in dem Bereich für wegweisend.

VRODO: Wie geht es weiter mit dem VR-Markt?

Kay Meseberg: Ich bin gespannt, wer von den groß angekündigten Regisseuren – Spielberg oder Scott – dann auch wirklich eine VR-Erfahrung veröffentlicht. Damit ist auch die Frage verbunden, wie ernst das Medium genommen wird. Daran wird sich vieles entscheiden.

Technisch gesehen finde ich es interessant, wie sich das Viereck zwischen Virtual Reality, Augmented Reality, Mixed Reality und Game Reality entwickelt.

Der Hype um die Präsenz wird sich auf Dauer erschöpfen. Kay Meseberg, Projektleiter Arte 360/VR

VRODO: Sollten gerade Journalisten auf den Erfolg von Googles VR-Initiative Daydream hoffen?

Kay Meseberg: Daydream ist sehr spannend, da jeder ein Smartphone hat. Und das in eine Brille einzulegen, ist nicht so kompliziert. Strategisch ist es ein interessanter Schritt, mobile Geräte als Treiber einzusetzen.

VRODO: Und wie geht es inhaltlich weiter?

Kay Meseberg: Wir stehen am Anfang. Ähnlich wie beim Kino früher – die Bilder haben jetzt laufen gelernt und es entwickelt sich, aber wir sind noch lange nicht am Ziel. Bis jetzt kenne ich nur die VR-Erfahrung Notes on Blindness, die eine Geschichte so erzählt, wie es mit anderen Medien nicht möglich wäre und dem Nutzer zu einer anderen Sicht auf Blindheit in der Gesellschaft verhilft.

Der Hype um die Präsenz wird sich auf Dauer erschöpfen. Der Wow-Effekt wird abgeschwächt. Man wird sich schon darüber Gedanken machen müssen, wie man eine gute Geschichte in VR erzählt.

VRODO: Können VR-Geschichtenerzähler von der Gamesindustrie lernen?

Kay Meseberg: Ich denke, wir können gegenseitig voneinander lernen. Über bestimmte Level zu gehen und tiefer und tiefer in die Geschichte einzusteigen, da kann man von Games sehr viel lernen. Ich finde es interessant, dass jemand wie John Carmack nach Wolfenstein und Doom jetzt auch bei Oculus so prägend tätig ist. Das zeigt schon, dass VR sehr stark von dieser Welt inspiriert ist. Die Frage steht im Raum, ob sich das Medium eher bei den Games durchsetzt oder ob es einen hohen Anteil an Realbild geben wird.

| Featured Image: Arte / Screenshot Notes on Blindness