HTC wird alles versuchen, um die gute Ausgangslage von HTC Vive zu festigen. Valve als Partner ist dabei nicht gesetzt.
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Virtual Reality bei Steam VR: HTC Vive ist nur der Anfang

von Matthias Bastian26. Juli 2016

Bislang gehen HTC und Valve als kleine Gewinner aus dem auf noch niedrigem Niveau geführten VR-Wettbewerb hervor. Das bedeutet aber nicht automatisch die Rettung von HTC.

Als vermeintlicher Underdog gegenüber Facebooks Oculus-Tochter gestartet, konnten HTC und Valve schnell die Sympathien in der VR-Branche und den Medien gewinnen. Der Grund dafür ist schnell ausgemacht: Raumtracking und 3D-Controller sorgen für ein deutlich eindrucksvolleres VR-Erlebnis als es derzeit mit anderen VR-Brillen möglich ist.

Hinzu kommt, dass sich Valve mit einer etwas offeneren Plattformpolitik und dem weitgehenden Verzicht auf exklusive Spiele und Anwendungen geschickt auf dem PC-Markt positioniert hat. Oculus VR wird sogar von Fans der Rift-Brille für die ausufernde Exklusivstrategie in Kombination mit der noch geschlossenen Plattform kritisiert. Besserung ist derzeit nicht in Sicht.

Hartnäckig halten sich die Gerüchte, dass HTC einen großen Teil der Unternehmenszukunft auf die neue Vive-Marke setzen wird. Ein eigenes Sub-Unternehmen wurde bereits gegründet. Sollte das Mutterschiff HTC aufgrund anhaltender Verluste sinken, ist die HTC Vive Tech Corp. der Rettungsanker. Das scheint eine gute Zukunftsstrategie zu sein. Jedenfalls dann, wenn man davon überzeugt ist, dass die VR-Branche in den kommenden Jahren kräftig wächst.

HTC Vive könnte auch Valve Vive heißen

Was häufig übersehen wird: Den größeren Anteil am Erfolg von HTC Vive haben die Ingenieure von Valve. Dort wurde das Trackingsystem Lighthouse samt der dazugehörigen 3D-Controller entwickelt und Grundlagenforschung zur Optik betrieben. Von diesem Wissen profitierte nicht nur HTC, sondern auch Oculus VR – das behauptet jedenfalls der Valve-Techniker Alan Yates.

HTC ist nun als Hardware-Partner in der Verantwortung, der aus Valves Technologie ein für Endverbraucher taugliches Vitual-Reality-System mit Room-Scale-VR schnürt. Valve braucht so einen Partner, um Steam VR in Gang zu bringen. Für HTC ist dieses Alleinstellungsmerkmal allerdings ein Deal auf Zeit. Schon jetzt laufen viele Spiele und Anwendungen bei Steam VR auch mit Oculus Rift und älteren Handcontrollern eines Drittanbieters. Wenn Oculus VR im Herbst eigene 3D-Controller auf den Markt bringt, könnte HTC das Room-Scale-Feature als Alleinstellungsmerkmal bereits verlieren.

Die tatsächliche Bedrohung für HTC sind alte Bekannte aus der Smartphone-Branche.

In den kommenden Monaten werden immer mehr Hardware-Hersteller mit neuen und besseren VR-Brillen auf den Markt drängen und – ähnlich wie bei Smartphones – in den Konkurrenzkampf zu HTC treten. Valve kündigte bereits an, dass das eigene Trackingsystem von anderen Herstellern kostenlos lizenziert werden kann. Die einzige Bedingung: Die Hardware muss im Gegenzug mit Steam VR kompatibel sein.

Für HTC könnte es wie im Smartphone-Business laufen

Die eigentliche Konkurrenz für HTC Vive ist daher nicht Oculus VR mit Oculus Rift. Die Facebook-Tochter steht eher im direkten Wettbewerb mit Valve und Steam VR, möglicherweise mit Google. Die tatsächliche Bedrohung für HTC sind alte Bekannte aus der Smartphone-Branche: Samsung, Sony oder LG werden, sobald es ihnen lukrativ erscheint, eigene VR-Brillen auf den Markt bringen, die technisch an HTC Vive vorbeiziehen und identische Features bieten.

Für HTC stellt sich die Frage: Wie viel Wissens- und Markenvorsprung kann sich das Unternehmen ab jetzt erarbeiten, um nicht wie im Smartphone-Business erneut unter die Räder zu geraten? Ein eher langsam und kontrolliert wachsender PC-Markt könnte den Taiwanesen gerade recht sein, um die Vive-Marke in der VR-Branche zu festigen.

HTC hat einen Plan B und Plan C

Zumindest scheint sich HTC der brenzligen Lage bewusst zu sein und macht mehr aus der guten Ausgangslage. Mit Viveport versucht das Unternehmen eine eigene Plattform für den Vertrieb von VR-Software zu etablieren. Mit dieser tritt das Unternehmen – zumindest in Asien – in eine direkte Konkurrenz zu Oculus VR und potenziell auch Valve.

Und mit Vive X hat HTC zusätzlich ein Accelerator-Programm geschaffen, bei dem das Unternehmen als Investor kräftig mitverdienen kann, falls die VR-Branche als solche erfolgreich ist.

Die virtuelle Realität könnte also durchaus die Zukunft von HTC sein. Die Frage ist nur, ob eine VR-Brille dauerhaft eine große Rolle dabei spielt. Die Antwort dürfte auch davon abhängen, ob Valve ein größeres Interesse daran hat, die Partnerschaft mit HTC zu intensivieren.

Analysten von Goldman Sachs glauben jedenfalls, dass HTC aus den Rückschlägen der vergangenen Jahre gelernt hat. “Wir denken, dass die wichtigste Veränderung für HTC im VR-Zyklus ein verändertes Geschäftsmodell ist. Sie haben aus dem Smartphone-Zyklus gelernt und verstehen jetzt, dass der Wert von reiner Hardware schnell vergänglich ist, wenn die Industrie erwachsen wird”, heißt es in einem Bericht der Banker.

Schafft es HTC auch ohne Valve? Diskutiere mit im VRforum.

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