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Virtual Reality: Dating ohne Biss – “Project M” ausprobiert

von Tomislav Bezmalinovic15. September 2017

“Project M” lautet der Arbeitstitel einer Dating-Sim, die nächstes Jahr für Oculus Rift und HTC Vive erscheinen soll. Vor kurzem veröffentlichten die Entwickler eine Demo, die einen Vorgeschmack auf das VR-Dating geben soll. Ich habe sie ausprobiert.

Das in Seoul ansässige EVR Studio setzt auf ultrarealistische Avatare und hat ebenfalls im September eine kurze Techdemo veröffentlicht, die auf eindrucksvolle Weise die emotionale Ausdrucksfähigkeit eines selbst entwickelten künstlichen Charakters demonstriert. Das Studio hofft, dass Nutzer dank Virtual Reality und lebensechter Avatare eine stärkere Bindung zu digitalen Charakteren aufbauen.

Project M ist von sogenannten Ren’ai-Spielen inspiriert, die in fernöstlichen Ländern ein beliebtes Videospielgenre sind. Laut Wikipedia ist das Ziel solcher Spiele, eine Liebesbeziehung mit einem oder mehreren Spielcharakteren aufzubauen.

Hierzu kämpft man sich entweder durch Dialoge und muss dabei die richtigen Antworten wählen oder seine Attribute verbessern, um für das digitale Herzblatt attraktiver zu werden. Hat man das Spielziel erreicht, wird in vielen der Spiele eine Sexszene freigeschaltet.

Begehbare Tagträume

Die Demo zu Project M funktioniert nach dem gleichen Prinzip, mit dem Unterschied, dass lediglich ein Dialogsystem zum Einsatz kommt und dass es nichts Schlüpfriges zu sehen gibt. Im Spiel übernimmt man die Rolle des jungen Dong Woo, der von einem Mädchen namens Seung-Ah zu sich nach Hause eingeladen wird. Das Mädchen ist von ihrem Sommerurlaub zurückgekehrt und möchte dem Jungen von ihren Erlebnissen erzählen.

In der Wohnung angekommen, setzt man sich zu Seung-Ah und hört ihr zu, wie sie vom Fallschirmspringen in der Schweiz und ihrem Badeurlaub in Spanien berichtet. Der junge Mann gerät darüber ins Tagträumen und erlebt Seung-Ahs Erlebnisse in der Fantasie nach, als wäre er an ihrer Seite.

In der Virtual Reality wird man in diese Tagträume hineinversetzt, schwebt mit Seung-Ah über den Wolken und sieht sie am Strand im Bikini herumtollen.

Langweilige Gespräche

Von Seung-Ah in die Realität zurückgeholt, beginnt der interaktive Teil der VR-Erfahrung, in dem man sich mit der Dame unterhält. Während des Dialogs wählt man aus zwei bis vier Antworten und beobachtet Seung-Ahs Reaktionen.

Merkwürdigerweise stiegen meine Sympathiepunkte auch dann, wenn ich weniger Schmeichelhaftes zu Seung-Ah sagte. Das Mädchen muss wirklich sehr in Dong Woo verliebt sein.

Die Dialoge haken die üblichen Teenager-Themen ab und sind harmlos und langweilig geschrieben, sodass ich erleichtert war, als es endlich weiterging. Nach dem Gespräch überreicht man dem Mädchen ein Kleid als Geschenk. Seung-Ah geht daraufhin ins obere Stockwerk, um es anzuprobieren. Natürlich ist sie entzückt und setzt sich einem prompt auf den Schoß. Nach einer knappen Stunde läuft dann der Abspann. Zum Glück.

Ein kultureller Schock

Technisch ist die VR-Erfahrung gut gemacht. Seung-Ah ist schön animiert und man merkt, dass die Entwickler bemüht waren, ihr ein wenig Persönlichkeit mit auf den Weg zu geben.

Dennoch ließ mich Project M kalt. Wahrscheinlich bin ich nicht prädestiniert, um an der klischierten Darstellung koreanischer Schulmädchen Gefallen zu finden. Oder vielleicht ist der kulturelle Unterschied dann doch zu groß für mich, um ein Spiel wie dieses zu verstehen.

Unabhängig davon sehe ich ein grundsätzliches Problem mit Dating-Sims. Um wirklich interessant zu werden, müssten sie den absurd hohen Anspruch haben, menschliches Verhalten realistisch zu simulieren.

Nun gibt es im Leben Bereiche von unterschiedlicher Komplexität und nicht alle lassen sich auf mathematische Modelle herunterbrechen, ohne ihren Reiz zu verlieren. Oder anders formuliert: Es gibt Dinge, die im realen Leben vielleicht besser aufgehoben sind.

Project M: Daydream ist bei Steam erhältlich und kostet 4,99 Euro. Das Spiel ist auf Koreanisch, bietet aber deutsche Untertitel.

| Featured Image: EVR Studio

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