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Virtual Reality: Depressive Verstimmung nach dem VR-Trip?

von Matthias Bastian16. November 2016

Eine digitale Wirklichkeit existiert schon seit Jahrzehnten, aber erst mit der VR-Brille können wir diese vollständig betreten. Wie sich diese Ausflüge in die Virtual Reality und insbesondere längere Aufenthalte auf unsere Wahrnehmung und unser Wohlbefinden auswirken, ist noch gänzlich unbekannt.

Bei Medium berichtet der VR-Entwickler Tobias van Schneider über Traurigkeit und Depressionen, die ihn nach stundenlangen Trips in die Virtual Reality heimsuchen. Er bezeichnet diesen Zustand als “Post-Virtual-Reality-Syndrom”.

Das Phänomen besteht laut van Schneider aus zwei Phasen. Zuerst fühle er sich losgelöst von der Wirklichkeit und würde realen Objekten mit besonderer Sorgfalt begegnen, immer in der Erwartungshaltung, dass er durch sie hindurchgreifen könne. Als Beispiel nennt er den Touchscreen seines Smartphones.

Dieses Gefühl würde nach circa ein bis zwei Stunden nachlassen. Es gleiche einem Kater nach einer intensiven VR-Erfahrung. Van Schneider mutmaßt, dass falsche Einstellungen beim Augenabstand und andere kleinere Ungereimtheiten einer virtuellen Simulation dieses Gefühl verstärken.

“Das Gehirn passt sich selbst kleinen Variationen an und es fühlt sich komisch an, wenn man zurück in die reale Welt geht. Objekte erscheinen einem näher und sich bewegende Objekte können irritieren. Man sollte nach einer VR-Erfahrung ganz sicher kein Auto fahren oder über eine stark befahrene Kreuzung laufen”, schreibt van Schneider.

Auf den körperlichen folgt ein geistiger Kater

Die oben genannten Symptome sollen laut van Schneider bei erfahrenen VR-Nutzern nach 30 bis 60 Minuten nachlassen. Er selbst fühle aber anschließend “ein Gefühl von Traurigkeit und Enttäuschung”, wenn er wieder an der realen Welt teilnehme. “Der Himmel hat weniger Farben und ich vermisse die ‘Magie’.”

Dieses Gefühl sei eng verbunden mit der Aufenthaltsdauer in der Virtual Reality sowie der Intensität der VR-Erfahrung. Gerade wenn er in einer 3D-Umgebung kreativ arbeite und dort alle Möglichkeiten hätte, die virtuelle Umwelt und seine Kunstwerke zu manipulieren, fühle er sich seiner virtuellen Superkräfte beraubt, sobald er die VR-Brille absetzt.

Umgekehrt könne ein Ego-Shooter in einem realistischen Kriegsszenario im Nachgang ein Angstgefühl bei ihm auslösen. “Ich sage das als jemand, der sein ganzes Leben lang Computerspiele gespielt hat. Als Teenager habe ich mich nie so gefühlt, nachdem ich durchschnittlich sechs Stunden täglich Counter Strike gespielt habe.”

In diesem Kontext spricht van Schneider über den Verlust des Gefühls für die eigene Persönlichkeit sowie eine verfremdete Wahrnehmung der Wirklichkeit. Diese Effekte werden unter anderem bei Reddit oder Meant to be Seen diskutiert – dem Forum, in dem Oculus-Gründer Palmer Luckey seine VR-Karriere startete. Wer ähnliche Erfahrungen gemacht hat, findet dort möglicherweise Hilfestellung.

Van Schneider befürchtet, dass die VR-Brille Angstgefühle und Depressionen bei Menschen auslösen könnte, die ohnehin zu diesen neigen. Er hofft darauf, dass Augmented-Reality-Technologien für eine stärkere Durchlässigkeit zwischen virtueller und realer Welt sorgen und so mögliche negative Effekte abfedern.

Van Schneider weist darauf hin, dass sich Ängste mit der VR-Brille auch gezielt bekämpfen lassen. Einer Zukunft mit VR-Technologien sieht er trotz seiner Bedenken positiv entgegen.

| Source: Medium, Tobias van Schneider | Featured Image: Posemuse bei Pixabay. Lizenziert nach CC0.