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Virtual Reality: Der Datanaut fliegt durch Datenräume

von Matthias Bastian19. April 2016

Professor Michael Stoll lehrt an der Hochschule Augsburg Informationsdesign und Medientheorie. Sein Spezialgebiet: Die Infografik. Mit ihm sprechen wir darüber, welches Potenzial Virtual Reality für die Visualisierung von Daten hat.

VRODO: Herr Stoll, wo haben Sie Virtual Reality das erste Mal erlebt?

Prof. Michael Stoll: Ich war bei Nigel Holmes in New York zu Besuch, ein bekannter Infografiker, der unter anderem für das Time-Magazin arbeitete. Er ist Abonnent der New York Times und hatte auf seinem Schreibtisch ein Google Cardboard rumliegen.

Daheim habe ich mir dann selbst eines gekauft und die ersten Schritte in VR gemacht. Da Infografik mein Fachgebiet ist, war mir sofort klar, dass Grafik irgendwo eine Rolle spielen muss. Unter anderem habe ich die “The Blue Whale” Infografik gesehen. Die fand ich vielversprechend, aber noch nicht perfekt.

An meiner Hochschule in Augsburg habe ich mit meinen Kollegen darüber gesprochen und wir werden ab Herbst ein Projekt zum Thema Virtual-Reality-Infografik anbieten. Die Studenten sollen einfach mal die unterschiedlichen Möglichkeiten untersuchen und herausfinden, was da eigentlich geht.

VRODO: War Cardboard ein “Aha-Erlebnis” für Sie? Die Pappbrille wird in der VR-Szene auch kritisch beurteilt.

Michael Stoll: Natürlich ist es ein Low-Cost-Einstieg, aber auch sehr clever. Ein wenig erinnert mich die Entwicklung an das frühe Computerzeitalter, als das Desktop-Publishing begonnen hat. Da hat man sich auch auf das Nachspüren der Technologie versteift und auf das Ausprobieren. Wie bei vielen neuen Technologien wird es irgendwann zu einer Konsolidierung kommen. Da wird sich dann zeigen, wie die spezifischen Qualitäten der Technologie tatsächlich eingesetzt werden.

Das ist auch ein Generationenthema. Auch die ersten Setzer waren sehr konservativ und haben gesagt “Naja, dieses Desktop-Publishing, das wird sich erst in vielen Jahren durchsetzen”. Da kann man auch noch weiter in die Geschichte zurückgehen. Wenn man sich die Berichterstattung über die Einführung des TVs ansieht, da wurde auch gesagt “Naja, vielleicht in dreißig oder vierzig Jahren mal”. Und dann war das Fernsehen innerhalb von fünf Jahren da.

VR ist eine neue technische Möglichkeit der Visualisierung. Jetzt müssen wir schauen: Was leistet die Technologie für welchen Zweck? Das ist in meinem Fall die Infografik.

VRODO: Und was leistet sie?

Michael Stoll: Die Infografik, wie man sie klassisch aus dem Printbereich kennt, versucht einen bestimmten Sachverhalt auf einen Blick zusammenzufassen. Das heißt nicht, dass man sie sofort versteht, aber es gibt ein klares Zeichen dafür, wo die Präsentation beginnt und wo sie aufhört. Über Such- und Erkenntnisvorgänge erschließt man sich dann die Details, bis man einen vollständigen Eindruck von dem Thema hat. Und dieser Wechsel zwischen Detail und Überblick, der funktioniert schnell und effizient.

Wenn man sich aktuelle VR-Infografiken anschaut, dann sind im Vergleich zwei Dinge bemerkenswert. Die Infografik kann auf eine Zeitachse aufgeteilt und der Raum in eine 360-Grad-Umgebung expandiert werden. Ich glaube, dass man in Virtual Reality Immersion und Aufmerksamkeit viel leichter erreichen kann als auf einer Seite.

“Wir brauchen neue narrative Techniken für Virtual Reality.” Prof. Michael Stoll, Hochschule Augsburg

VRODO: Was ist die Herausforderung dabei?

Michael Stoll: Die Infografik lebt eigentlich von der Verdichtung von Informationen. In einer Umgebung, in der man den Blick des Zuschauers nicht mehr lenken kann, ist das aber schwierig. Der schaut nach links, rechts oder nach oben und hört nicht darauf, was aus dem Off erzählt wird. Bei der erwähnten „Blue Whale“-Demo merkt man, dass die Geschichte sehr behäbig ist. Man muss also versuchen, ähnlich wie im klassischen Film, eine Hauptachse zu etablieren und der Zuschauer schaut nur ab und zu nach links und rechts. Mir fehlen sowohl bei Videos als auch bei Infografiken noch die Konzepte, um eine zielgerichtete Aufmerksamkeit des Zuschauers zu erreichen.

VRODO: Was in Virtual Reality schon jetzt sehr gut funktioniert, ist die Darstellung von Maßstäben. Man steht in der Infografik, in der man sich mit Informationen umgibt.

Michael Stoll: In diesem Bereich kann Virtual Reality sicherlich viel leisten. Gerade im Kontext von Big Data könnte das eine wichtige Aufgabe von VR-Infografiken werden. Ich denke da an den “Datanaut”, der durch Datenräume fliegt. Mit VR sind wir da ein Stück weiter und stehen vor einem Paradigmenwechsel.

In Zukunft können visualisierte Datenräume vom Benutzer erforscht werden und er kann sich auch selbst die Werkzeuge zusammenstellen, um diese Datenräume zu analysieren.

VRODO: Dinge, die man selbst erlebt, soll man sich besser merken können als Informationen, die man liest oder erzählt bekommt. Ist Virtual Reality ein Erfahrungsmedium?

Michael Stoll: Was den Visualisierungsanteil angeht, stimmt das. Aber bei der Infografik ist das nur ein Teil und die Erklärung ist der andere Teil. Zusammenhänge müssen erschlossen werden. Nicht alles, was man aus der Nähe miterleben kann, ist interessant. Die Informationsdichte muss von VR-Infografikern konstruiert werden. Die Dokumentationen der New York Times sind spannend, aber häufig verstehe ich die Zusammenhänge nicht.

Eine Infografik wirkt deshalb, weil davor fünf oder zehn Leute drei Wochen lang recherchiert, gestaltet und konzipiert haben, damit der Betrachter innerhalb von einer Stunde den gleichen Erkenntniszugewinn hat, den sich die Redakteure zuvor hart erarbeitet haben. Wenn man in einer Infografik die Erzählzeit kürzer als die erzählte Zeit hält, dann ist man auf einem guten Weg, Informationen effizient zu erklären. Diese Methoden der Destillation und Komprimierung müssen für VR erst noch gefunden werden.

Im Bereich der Interaktion und Visualisierung traue ich VR schon jetzt viel zu, für die Explanation müssen die Methoden erst noch entwickelt werden. Wir brauchen neue narrative Techniken für Virtual Reality.

VRODO: Wann gibt es den ersten Studiengang für Datanauten oder Virtual-Reality-Informationsarchitekten?

Michael Stoll: Ich glaube eher, dass VR in bestehende Studiengänge wie Design oder Journalismus integriert wird. VR ist mehr als jedes andere Medium interdisziplinär. Aber relevant ist das Thema schon jetzt. Wer noch nicht angefangen hat, ist eigentlich schon mindestens ein halbes Jahr überfällig. Nicht warten, loslegen!

| Featured Image: Michael Stoll