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Virtual Reality: Envelop für HTC Vive und Oculus Rift ausprobiert

von Matthias Bastian6. August 2016

Es gibt viele Anwendungsszenarien für Virtual Reality. Eines davon ist offensichtlich: Man nutzt die VR-Brille als multifunktionalen Monitorersatz. Die App Envelop für HTC Vive und Oculus Rift versucht genau das.

Der normale PC-Arbeitsplatz besteht aus Schreibtisch, Rechner, Monitor, Maus und Tastatur. In Virtual Reality lässt sich dieses Setup im dreidimensionalen Raum nachbauen und erweitern. Der Blick durch die VR-Brille ermöglicht eine beliebige Anzahl an Monitoren und das bei weniger Platzverbrauch – denn die Displays existieren rein virtuell.

Das ist das größte Unterscheidungsmerkmal von Envelop zu vergleichbarer VR-Monitor-Software wie Big Screen oder Virtual Desktop. Der Nutzer kann sich, unabhängig von der Anzahl der physisch vorhandenen Monitore, mit beliebig vielen Fenstern in 360-Grad umgeben. Das ist Multi-Tasking in der extremsten Ausprägung.

Damit man die Orientierung nicht verliert und permanent nach der Tastatur suchen muss, kann man diese via Webcam-Feed in die virtuelle Realität einbinden. Wie bei Virtual Desktop oder Big Screen auch, kann man zwischen verschiedenen immersiven Umgebungen wechseln und sich somit gefühlt aus der Realität ausblenden. Das ist praktisch fürs Großraumbüro. Die Auswahl an Umgebungen ist noch begrenzt, soll aber in Zukunft erweitert werden. Auch die Nutzerführung der App ist derzeit nicht optimal. Allerdings ist die Entwicklung noch in einer frühen Beta-Phase. Die Anwendung “Envelop for Windows” kann hier kostenlos bei Steam heruntergeladen werden.

Google steht auf virtuelle Schreibtische

Googles Abteilung für Risikokapital steht auf die Idee, Teile des Arbeitsplatzes zu virtualisieren, und investierte kürzlich 5,5 Millionen US-Dollar in Envelop VR. Das junge US-Startup möchte eine Software entwickeln, die sowohl Unternehmen als auch Endverbrauchern die Möglichkeit gibt, im virtuellen Raum zu arbeiten, zu kreieren und zu spielen. Der virtuelle Schreibtisch wird bei diesem Versuch nur der Anfang sein. Und vielleicht nicht der sinnvollste.

Denn mit aktueller VR-Technologie sind Anwendungen wie Envelop kaum zu gebrauchen. Die VR-Brillen sind für eine längere Nutzung nicht ausreichend bequem und – das wiegt viel schwerer – die Auflösung ist zu gering. Nur wenn man ein Fenster sehr nah vor die virtuellen Augen zieht, sind Schriften gut lesbar.

Das wiederum negiert den eigentlichen Vorteil der Anwendung, nämlich dank vieler Bildschirme einen besseren Überblick zu haben und schneller zwischen Anwendungen springen zu können. Das Kopfschmerzrisiko ist bei allen Monitor-Simulationen noch sehr hoch – das ist auch ein Ergebnis meines Langzeittests von Virtual Desktop, für den ich einen ganzen Arbeitstag mit der VR-Brille auf dem Kopf verbrachte.

Ohnehin scheint die Herangehensweise, den klassischen Arbeitsplatz zu virtualisieren, nur für eine Übergangsphase sinnvoll zu sein. Langfristig verlangt das neue Medium nach eigenständigen und natürlichen Interfaces. Envelop und Co. bieten hingegen nur eine aufgemotzte klassische Arbeitsumgebung. Sich mit unbegrenzt vielen Monitoren umgeben zu können, klingt im ersten Moment reizvoll. Aber kann man seine Aufmerksamkeit wirklich noch sinnvoll zwischen mehr als zwei bis drei Anzeigen aufteilen? Mir gelingt das kaum.

Wie ein echter Next-Gen-Schreibtisch aussehen könnte, zeigte das Startup 8ninths im März. Dort arbeiten Entwickler an einem Arbeitsplatz, der mittels Hololens und Augmented Reality um digitale Elemente erweitert wird und fast vollständig auf klassische Ein- und Ausgabegeräte verzichtet.

| Source: Envelop VR