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Virtual Reality: Google baut mobile High End VR-Brille

von Matthias Bastian11. Februar 2016

Das Wall Street Journal beruft sich auf interne Quellen und berichtet, dass Google an zwei mobilen VR-Brillen arbeitet: Einer Art Luxus-Cardboard-Variante, die noch in diesem Jahr erscheinen soll, so wie eine komplett eigenständige VR-Brille, die Akku, Display und schnelle Prozessoren bereits verbaut haben soll.

Die neue VR-Brille wäre damit das erste Device, das hochwertige Virtual-Reality-Erlebnisse ohne Zusatzgeräte möglich macht. Cardboard und Gear VR sind auf schnelle Smartphones angewiesen, Playstation VR auf die PS4, Oculus Rift und HTC Vive auf einen teuren PC. Neben der kompletten Neuentwicklung soll aber wie gehabt eine Neuauflage von Cardboard in Entwicklung sein, die Virtual Reality dem Massenmarkt zu einem günstigen Preis schmackhaft machen soll – ähnlich wie Samsungs Gear VR. Während das Luxus-Cardboard noch in diesem Jahr kommen soll, gibt es für die neue VR-Brille noch kein Zeitfenster für einen möglichen Release. Eine anonyme Quelle des WSJ bezeichnet das Gerät noch als einen frühen Prototyp, der möglicherweise gar nicht erscheint, eine andere Quelle spricht davon, dass es noch in diesem Jahr gezeigt werden könnte.

Besonders interessant an der WSJ-Meldung ist ein Detail, das in dem Wirtschaftsmagazin fast wie eine Randnotiz klingt, in Wirklichkeit aber ein entscheidender technologischer Fortschritt für Mobile-VR wäre: In Googles High-End-Brille soll offenbar ein Visual-Computing-Chip von Movidius verbaut werden. Der neuen Myriad 2 MA 2450 Chip von Movidius gilt auch als „Vision Processing Unit“, der gezielt auf die Bilderkennung optimiert wurde und mit geringer Latenz und wenig Energieverbrauch funktioniert. Da der Chip klein ist, kann er gut in mobilen Endgeräten aller Art verbaut werden – zum Beispiel in einer VR-Brille. Schon Anfang Februar tauchten in Googles Karriereportal Jobausschreibungen auf, die darauf hindeuten, dass an einer neuen, hochwertigen VR-Brille gebaut wird. Unter anderem wird dort ein leitender Ingenieur und Projektmanager für Virtual Reality gesucht, der dazu in der Lage ist ein “batteriebetriebenes Gerät” zu entwerfen, das sowohl Mechanik als auch Elektronik auf engem Raum integriert und speziell bei der Produktion von größeren Stückmengen günstig ist.

Mit dem Chip von Movidius könnte die neue Google-Brille in Kombination mit integrierten Sensorkameras verschiedene Trackingverfahren anwenden, beispielsweise eine Tiefen- und Objekterkennung oder auch 3D-Scanning in Echtzeit. Eine der interessanten Anwendungsmöglichkeiten für mobile Smartphone VR-Brillen ist die erweiterte Bewegungserkennung, sogenanntes “Inside-out”-Tracking. Cardboard und Co. erkennen bislang nur die Rotation des Kopfes („Headtracking“), mit dem Movidius-Chip könnte die neue Google-Brille aber die Position des Brillenträgers in Relation zum Raum identifizieren.

Das Ergebnis: Der VR-Brillenträger könnte sich, ähnlich wie mit HTC Vive, frei durch den Raum und die virtuelle Welt bewegen und wäre dabei nicht auf externe Sensoren angewiesen. Mit diesem Trackingverfahren wären völlig neue Virtual-Reality-Erlebnisse ohne störende Kabel möglich; je nach verbauten Kameras sind auch Mixed- oder Augmented-Reality-Anwendungen wie bei Hololens denkbar. Google forscht bereits seit vielen Jahren im “Project Tango” an diesen neuen Technologien und bringt im Sommer gemeinsam mit Lenovo ein entsprechendes Sensor-Smartphone auf den Markt. Die gleiche Technologie könnte auch in einer VR-Brille verbaut werden.

Die Kooperation zwischen Google und Movidius wurde bereits Ende Januar öffentlich. Movidius ist spezialisiert auf die Konzeption und Herstellung von Computer-Chips, die sich besonders gut für das Visual Computing eignen. Dabei versuchen Ingenieure und Forscher Computern beizubringen, so ähnlich zu sehen wie das menschliche Auge. Movidius wollte die neuen Gerüchte gegenüber dem WSJ nicht kommentieren.

Fraglich ist noch, ab wann Google ein solches Gerät zu einem bezahlbaren Preis produzieren könnte. Die Technologie eines High-End-Smartphones mit zusätzlichen Prozessoren, Sensoren und Linsen in einem einzelnen Gerät verbaut, das dürfte zumindest im Moment noch deutlich über der 1.000 US-Dollar Grenze liegen. Zum Vergleich: HTC Vive oder Oculus Rift hätten technologisch weniger zu bieten, kosten aber in der Produktion schon circa 500 US-Dollar ohne Zubehör. Ebenfalls offen ist, ob die neue VR-Brille möglicherweise mit Googles finanziellem Engagement bei dem ominösen Tech-Startup “Magic Leap” zusammenhängt. Das Unternehmen arbeitet an einer neuartigen Mixed-Reality-Brille, Google investierte bereits über 500 Millionen, unter anderem sitzt Google-CEO Sundar Pichai im Aufsichtsrat der Kalifornier.

Google baut ein neues Ökosystem für Virtual Reality

Vor wenigen Tagen meldete außerdem die Financial Times, dass Google an einer Art “Android VR” arbeitet, also eine neue Version des hauseigenen Betriebssystems, das neue Virtual-Reality-Features direkt im System integriert hat. Bisher waren diese Features Entwicklern nur via Cardboard-App und spezieller Entwicklungsumgebung zugänglich. Mit Android VR sowie einer günstigen mobilen VR-Brille und einer High-End-Brille hätte Google innerhalb kürzester Zeit ein komplettes VR-Ökosystem aus dem Boden gestampft. Die VR-Pappbrille Cardboard wurde bisher fünf Millionen Mal verteilt und verkauft, außerdem wurden 25 Millionen VR-Apps heruntergeladen. Auch im VR-Kameramarkt macht sich Google breit, kooperiert unter anderem mit Jaunt, bietet eine App für 3D-360-Fotos und integrierte schon frühzeitig Unterstützung für 360-Videos bei YouTube.

In einem Interview mit dem Time-Magazin im Januar 2016 deutete Googles hauseigener VR-Nerd Clay Bavor bereits ambitioniertere Virtual-Reality-Projekte an: “Cardboard ist nicht das Ende der Fahnenstange. Stell dir vor, woran ein Unternehmen mit den Ambitionen sowie den technologischen Ressourcen und dem Know-how von Google arbeiten könnte, und ich kann bestätigen, dass wir an vielen dieser Dinge bereits dran sind.” Neuigkeiten zu Googles VR-Plänen sind spätestens zur Google Entwicklerkonferenz I/O im Mai zu erwarten.