Miyubi will an die Erzähltradition des Kinos anknüpfen und mit den Mitteln des 360-Grad-Films eine zusammenhängende Geschichte erzählen.
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Virtual Reality: “Miyubi” ist ein Meilenstein der VR-Filmkunst geworden

von Tomislav Bezmalinovic28. Juli 2017

Die Felix & Paul Studios sind für ihre hochwertigen 360-Grad-Dokumentationen bekannt. Mit “Miyubi” wollten Félix Lajeunesse und Paul Raphaël zum ersten Mal an die Erzähltradition des Kinos anknüpfen und mit den Mitteln des 360-Grad-Films über vierzig Minuten hinweg eine zusammenhängende Geschichte erzählen. Das Ergebnis ist ein wichtiger Meilenstein auf dem Weg zu einer neuen Filmkunst.

Häufig hört man, dass Filme Emotionen wecken müssen. Wenn das zutrifft, hat Miyubi sein Ziel erreicht. Wie kaum ein VR-Film zuvor, hat er eine ganze Palette von Gefühlen in mir geweckt: Von Verwunderung und Freude bis hin zu Beklemmung und Schwermut. Und all das durch die Augen eines Spielzeugroboters blickend.

Der Film spielt in den frühen 80er-Jahren und erzählt die Geschichte einer gewöhnlichen, in einem Vorort lebenden US-amerikanischen Familie. Miyubi ist der Name eines japanischen Spielzeugroboters, den der Vater seinem jüngerem Sohn aus Japan mitgebracht hat.

Ein familiärer Mikrokosmos

Was die Familie nicht weiß: Der Roboter besitzt ein Bewusstsein und sieht alles, was um ihn herum geschieht. In den Bewusstseinsstrom des Roboters eingeklinkt, lernt man aus nächster Nähe den familiären Mikrokosmos und das Leben der einzelnen Familienmitglieder kennen.

Die VR-Brille und das 360-Grad-Format schaffen ein Mittendrin-Gefühl, das man von herkömmlichen Filmen nicht kennt. Durch diese Nähe nimmt man den familiären Lebensraum auf sehr intime Weise wahr. Stellenweise so intim, dass man sich wie ein Voyeur fühlt, der mit einer versteckten Überwachungskamera in das Leben fremder Menschen blickt.

Zur Familie gehören der jüngere Sohn, der in Miyubi den Ersatz für einen realen Freund sucht, der ältere Bruder, ein Teenager und Möchtegern-Punk, der seine Verunsicherung unter einer Rebellen-Attitüde versteckt, der Vater, der seine Familie kaum zu Gesicht bekommt, weil er ständig auf Dienstreise ist, die Mutter, die vom Haushalt und der Erziehung der Kinder in Atem gehalten wird, der Großvater, ein Kriegsveteran, der an fortschreitender Demenz leidet und die kleine Schwester, die von all dem unberührt ganz unbekümmert in ihrer eigenen, heilen Welt lebt.

Die Lebensgeschichte eines Roboters

Was die vielen, einzelnen Geschichten und Szenen zusammenhält, sind nicht allein der Ort oder die Zeit und nicht ein Ereignis oder eine übergreifende Thematik, sondern Miyubis Bewusstsein und Körper, den man als Zuschauer durchgängig vereinnahmt. Der VR-Film erzählt nicht nur die Geschichte einer Familie, sondern auch die Geschichte des Roboters, der zeitweilig in den Kreis der Familie aufgenommen wird.

Das Berührende an dieser Geschichte ist, dass sie die Lebensphasen des Menschen nachzeichnet: Man kommt im Körper eines brandneuen Roboters zu sich und sieht sich mit dem Staunen eines Kindes in einer 360-Grad-Welt um, in der man selbst die Hauptattraktion ist. Doch die Zeit macht auch vor einem Roboter keinen Halt.

Im Laufe der Monate legt sich die Begeisterung der unmittelbaren Umgebung und Abnutzungerscheinungen treten auf, die nach und nach zu Systemfehlern und schließlich zum Ausfall wesentlicher Funktionen führen. Am Ende verliert selbst der jüngste Sohn das Interesse und wendet sich von einem ab. Schließlich stirbt man – zumindest vorläufig – den elektronischen Tod.

Eine technische Glanzleistung

Miyubi ist ein kluger und vor allem klug gemachter Film, der auch auf technischer Ebene überzeugt: Artefaktfreie 360-Grad-Aufnahmen in dieser Qualität hat man bisher noch nicht gesehen. Der stereoskopische 3D-Effekt trägt dazu bei, die unmittelbare Umgebung glaubhaft und lebendig wirken zu lassen.

Neben diesen rein visuellen Qualitäten wartet der Film mit einer Reihe technischer Tricks auf, über die an dieser Stelle nichts verraten werden soll. Außerdem hat er ein interaktives Spielelement integriert, das sich gut in die Geschichte einfügt und ihr eine zusätzliche Dimension verleiht.

Der Film dauert rund 40 Minuten und ist aufgrund des 360-Grad-Formats eine sehr anspruchsvolle Seherfahrung. Man muss ihn allerdings nicht am Stück betrachten, sondern kann einzelne Episoden auswählen.

Miyubi ist ab sofort kostenlos für Oculus Rift und Samsung Gear VR erhältlich.

| Featured Image: Félix & Paul Studios / Oculus

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