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Virtual Reality: Netflix zeigt virtuelle Videothek – welch Ironie

von Matthias Bastian25. Mai 2016

Im Streaming-Zeitalter vergisst man schnell, wie vergleichsweise zeitintensiv und mühsam es früher war, Filme oder Spiele auszuleihen. Erstmal musste man durch den Stadtverkehr gurken, nur um dann festzustellen, dass der Wunschfilm bereits verliehen war – obwohl 50 Exemplare an der Wand hingen. Ja, so war das, als Entertainment noch ein physisch limitiertes Gut war.

Ganz besonders schlimm litten Jugendliche unter 18 Jahren, die durften die Videothek nämlich gar nicht erst betreten und mussten heimlich die älteren Geschwister oder Eltern vorschicken. Das war noch bevor Videothekenbetreiber auf die glorreiche Idee kamen, den Ü18-Bereich einfach von den anderen Inhalten abzutrennen. Bis heute ist allerdings nicht klar, warum die Räume immer leicht abgedunkelt sein mussten, mit dem dezenten Charme eines Laufhauses. Aber auch wenn ich kein Freund der Nostalgie bin, muss ich anerkennen: einen Hauch von “Feierabend” hatte das Schlendern durch die Videothek dann doch.

Diese Episode ist allerdings Vergangenheit. So wie viele andere Branchen auch, haben die Filmverleiher die disruptive Wirkung neuer Internettechnologien zu spüren bekommen. Mittlerweile gibt es kaum mehr echte Videotheken. Schuld daran sind Streaming-Services wie Netflix und Co. – und ausgerechnet Netflix lässt den Filmverleih jetzt virtuell wieder auferstehen. Welch Ironie.

Ehemalige Filmverleiher können sich aber wieder abregen, denn die virtuelle Videothek wird es wohl kaum über den Zustand eines Prototypen hinausbringen. Die im Video gezeigte Demo mit HTC Vive wurde nur im Rahmen des “Netflix Hack Day” zusammengezimmert, eine Veröffentlichung ist derzeit nicht geplant. Nostalgiker freuen sich also erstmal nur an der Vorstellung einer VR-Videothek, auch wenn die gezeigte Virtual-Reality-Version ein wenig mehr auf dem Kasten hat als das analoge Vorbild.

Vergangene Erfahrungen werden in der virtuellen Realität konserviert

Immerhin zeigt die Demo das Potenzial von Virtual Reality, vergessene Erlebnisse aus dem analogen Zeitalter zu bewahren, virtuell wiederzubeleben und so an nachfolgende Generationen als Erfahrung – nicht nur als reine Information – weiterzugeben. Vielleicht gibt es im Oculus-Store eines Tages die Rubrik: “Und so war das früher.” Einen ähnlichen Ansatz verfolgt bereits die Arcade-App von Oculus VR und die Anwendung “New Retro Arcade”, die klassische Spielautomaten und Spielekonsolen samt emulierter Software in Virtual Reality zugänglich macht.

Von dem Videotheken-Experiment einmal abgesehen, nähert sich Netflix dem neuen Medium noch zurückhaltend. Zwar gibt es eine Streaming-App für Samsung Gear VR, exklusive VR-Inhalte, wie sie beispielsweise Amazon plant, sind aber noch nicht in der Mache. “Im Moment denken wir, dass Virtual Reality besonders gut für Spiele geeignet ist. Wir sind aber sehr daran interessiert, wie sich die neue Plattform im Bereich Storytelling weiterentwickelt. Wir beobachten, wo die Sache hingeht”, sagt Innovationsmanager Chris Jaffe dem US-Online-Magazin Trusted Reviews.

| Via: Road to VR | Featured Image: Netflix (Screenshot bei YouTube)