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Virtual Reality: New York Times ist beeindruckt von VR-Erlebnis

von Tomislav Bezmalinovic21. Mai 2017

Virtual Reality kommt dieses Jahr in Cannes an: “Carne y Arena” von Alejandro González Iñárritu ist die erste VR-Produktion, die Teil der offiziellen Werkauswahl ist. Vom mexikanischen Regisseur stammen oscarprämierte Meisterwerke wie “Birdman” und “The Revenant”. Jetzt begeistert er die Kritiker mit seiner ersten Arbeit für Virtual Reality.

Wer einen simplen 360-Grad-Film erwartet, wird in Cannes eines Besseren belehrt: Carne y Arena (“Fleisch und Sand”) ist eine aufwendige Virtual-Reality-Installation, die sich über drei Räume erstreckt. Die Arbeit, die fern der Croisette in einem Flugzeughangar untergebracht ist, sei eine “bahnbrechende Mischung aus Kunstausstellung, Virtual-Reality-Simulation und historischem Reenactment”, schreibt der Kunstkritiker Jason Farago in einem Artikel der New York Times.

Iñárritus Arbeit handelt vom Leben mexikanischer Immigranten an der Grenze zu den Vereinigten Staaten. Wer beim Versuch erwischt wird, die Grenze auf illegalem Wege zu passieren, wird bis zu zwei Tage in stark gekühlte Räumen gesteckt – ohne Schlafgelegenheit und ohne Essen. Die Mexikaner nennen diese Räume Las Hieleras (zu Deutsch: Kühlschränke).

Über die Grenze

Der erste Raum von Iñárritus VR-Installation ist eine den Zellen nachempfundene Kühlkammer. Besucher werden aufgefordert, ihre Schuhe und Socken auszuziehen. Auf dem Boden liegen überall verstreut staubige Kleidungsstücke, die aus der Grenzzone stammen. Barfuß verlassen die Besucher den Kühlraum und betreten eine große, mit Sand bedeckte Halle.

Hier setzen sie sich eine Oculus Rift und Kopfhörer auf und legen einen Rucksack an. In der Virtual Reality finden sie sich, in Dunkelheit gehüllt, an der Grenze zu den USA wieder. Im Dämmerlicht ist eine alte Frau zu sehen, die den Fußknöchel gebrochen hat und um Hilfe ruft. Der Menschenschmuggler ruft die Gruppe in aggressivem Ton auf, sich zu beeilen.

Laut Farago kann man sich in der Szenerie frei bewegen und an die Immigranten herantreten. Später taucht aus dem Nichts ein Helikopter auf und hüllt die Szene in blendendes Scheinwerferlicht. Grenzpolizisten erscheinen mit Waffen und Hunden und rufen durcheinander Befehle in mehreren Sprachen. Mit einem Gewehrlauf im Gesicht, leistet man instinktiv Folge und hebt die Hände.

In einem dritten Raum begegnet man – immer noch in der Virtual Reality – 14 Immigranten, die von ihren Erlebnissen erzählen. Sie wurden für die VR-Erfahrung in 3D eingescannt und erscheinen als Hologramme, die man von allen Seiten betrachten kann. Man kann sogar den Kopf in die virtuellen Figuren stecken. Dann sieht man ihr schlagendes Herz.

Neue Herausforderungen für Künstler

Carne y Arena funktioniere als Kunstwerk nur deshalb so gut, weil es anerkennt, dass Virtual Reality ein gänzlich anderes Medium ist, meint Farago. Er beschreibt die Erfahrung als eine Mischung von Videospiel und Theater und die neue Kunstform als eine Herausforderung, die man nur meistern kann, wenn man zugleich technisch und philosophisch versiert ist.

Mit einer VR-Brille ausgerüstet, werde man nicht nur zum Schauspieler, sondern auch zum Kameramann. VR-Künstler müssten diesem Umstand Rechnung tragen und in Räumen statt in Einstellungen denken. Farago glaubt, dass Iñárritus früherer Film Birdman ihm geholfen hat, eine Erzähltechnik zu entwickeln, die der neuen Kunstform gerecht wird.

Der knapp zweistündige Film enthält nur einen sichtbaren Schnitt und erzählt seine Geschichte in einer einzigen Kamerafahrt. “Die präzise Choreografie von Birdman, eingefangen von einer Kamera, die durch ein Broadway-Theater wandert, könnte Iñárritu geholfen haben, die räumlichen Verhältnisse und die Bildsprache der Präsenz herauszuarbeiten, die Virtual Reality voraussetzt”, schreibt Farago.

Klassische Hollywood-Schnitttechnik helfe nicht mehr weiter, sodass Geschichten anders erzählt werden müssten: durch den Schauplatz, den Ton und physische Begegnungen.

Iñárritus Arbeit wird nach Cannes vom 7. Juni bis 15. Januar in der Fondazione Prada in Mailand und vom 2. Juli bis 10. September im Los Angeles County Museum of Art zu sehen sein. Das  Tlatelolco Museum in Mexiko-Stadt soll die Arbeit ab diesen Sommer ebenfalls zeigen.

| Featured Image: Emmanuel Lubezki | Source: New York Times

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