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Virtual Reality: Obdachlosigkeitssimulator wird CEOs zum Verhängnis

von Matthias Bastian26. Juni 2017

Von Filmemachern und Entwicklern wird die VR-Brille häufig als “Empathiemaschine” bezeichnet. Sie soll Menschen die Welt aus dem Blickwinkel anderer Personen erfahren lassen und so Mitgefühl wecken. Dass diese These anmaßend sein kann, zeigt das PR-Desaster einer australischen CEO-Vereinigung.

Eigentlich ist das “CEO Zelten” im australischen Sidney eine gute Sache. Die erfolgreichsten Geschäftsführer der Stadt versammeln sich, um Anteil am Schicksal obdachloser Menschen zu nehmen.

Das tun sie für gewöhnlich, indem sie sich eine Nacht betten wie es ein Obdachloser jede Nacht tun muss. Mit der Aktion sammeln sie Spendengelder, die an eine Obdachlosenvereinigung gehen.

In diesem Jahr stand ein besonderer Programmpunkt an: Die CEOs sollten den Kummer obdachloser Menschen durch den Blick in eine VR-Brille erfahren. Die Veranstalter stellten – wenig empathisch – Bilder und Videos der Aktion ins Netz. Der Spott ließ nicht lange auf sich warten.

Bei Twitter meldeten sich zahlreiche Nutzer zu Wort, die sich über die seltsame Herangehensweise wunderten und ärgerten. Den Geschäftsführern wurde vorgeworfen, sie seien realitätsfern und scheuten sich davor, einem echten Obdachlosen zu begegnen. Ein Nutzer sprach gar von einer “Dystopie” – er meint wohl die reiche Oberschicht, die sich virtuell mit dem Schicksal der Unterschicht amüsiert.

Ein weiterer Nutzer reagiert mit beißendem Sarkasmus: “Ja! Sie kämpfen mit der virtuellen Kälte, der virtuellen Gewalt, den virtuellen unbehandelten Krankheiten, der virtuellen Verzweiflung.”

Noch ein Nutzer weist darauf hin, dass die Veranstalter das Geld für die VR-Aktion auch in Essen und Kleidung für Obdachlose hätten investieren können.

Die VR-Brille ist keine Empathiemaschine, sondern eine VR-Brille

Das Beispiel zeigt, dass die VR-Szene die leidige “Empathiemaschine” endlich ausschalten sollte. Der Begriff ist ohnehin in sich völlig verdreht. Er vermengt Gefühl mit Automatik – gegensätzlicher geht es kaum.

Das PR-Desaster im Beispiel oben betrifft die eigentlich wohlgesinnten Geschäftsführer, die den Spott aushalten und sich kritisch hinterfragen müssen, obwohl sie sicherlich den geringsten Anteil an der Aktion hatten.

Der eigentliche Vorwurf gebührt jenen, die solche virtuellen Erfahrungen als empathiefördernde Maßnahmen verkaufen: Menschliche Schicksale lassen sich nicht auf einen optischen Blickpunkt reduzieren.

In der VR-Szene scheint diese Erkenntnis langsam anzukommen, zumindest regte sich zuletzt ein sanfter Widerstand.

| Source: CEO Sleepout, mcaualybalkan (Twitter) | Via: The Guardian, Dailymail

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