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Virtual-Reality-Pionier Jaron Lanier warnt: Zu viel Macht, um damit umzugehen

von Matthias Bastian30. Mai 2016

Jaron Lanier ist seit den 80er-Jahren eine Ikone der Virtual-Reality-Bewegung. Nun äußert er Besorgnis darüber, dass die jüngsten Entwicklungen in die falsche Richtung führen könnten. Konkret befürchtet er den Missbrauch von Bewegungsdaten.

Lanier gilt als Vater des Begriffs Virtual Reality und beschäftigt sich seit jeher sowohl mit der Technologie als auch der Philosophie hinter den Computerbauteilen. Bereits Ende der 80er und Anfang der 90er war Lanier davon überzeugt, dass VR die Zukunft der Computerplattformen sein würde. Schon im Jahr 1989 befragte ihn die New York Times zu Virtual Reality, das Interview ist hier im Archiv einsehbar. Damals war Lanier noch Inhaber seines eigenen Unternehmens VPL Research, das sich mit Computerchips in Kleidungsstücken, speziell Handschuhen, beschäftigte, aber nach kurzer Zeit wieder Pleite ging. Dem Thema VR blieb Lanier aber über die Jahre hinweg verbunden, mittlerweile forscht er für Microsoft an Social-Mixed-Reality-Anwendungen.

Eben dieser VR-Pionier der ersten Stunde äußert nun in einem Interview mit der Seattle Times die Sorge, dass Virtual Reality als Medium zu mächtig werden könnte, um von Menschen noch vollständig beherrscht zu werden. Eigentlich wollte die Times-Journalistin nur seine Meinung zu Googles neuer VR-Initiative Daydream einholen, die er aus Gründen der Befangenheit aber nicht mitteilen wollte. Stattdessen sagt Lanier: “Wir können nicht einfach weiter so tun, als gäbe es da nicht ein riesiges Problem. Wir haben mehr Macht als wir beherrschen können.” Lanier geht davon aus, dass unsere Gesellschaft im Kontext von VR-Medien richtungsweisende, ethische Fragestellungen zu beantworten hat – mehr noch als beim Thema künstliche Intelligenz.

“Wir in der Tech-Industrie werden dafür bezahlt, Menschen zu beeinflussen.” Jaron Lanier

Grund für seine Befürchtung sind neue Bewegungs- und Verhaltensdaten, die mittels VR-Brille erhoben werden könnten und die noch dazu nur einigen wenigen, ohnehin marktbeherrschenden Unternehmen zur Verfügung stünden. Basierend auf diesen Daten könnten Marketingkampagnen zukünftig so ausgerichtet werden, dass sie unser Verhalten sehr zielgerichtet beeinflussen, ohne dass sich der Nutzer in der VR-Umgebung dessen bewusst sei.

“Wir in der Tech-Industrie werden dafür bezahlt, Menschen zu beeinflussen”, sagt Lanier. “Jedes dieser Unternehmen findet einen Anlass für gruseliges Verhalten, und jedes hat sich bereits so verhalten.” An den Mitarbeitern der einzelnen Unternehmen, als Beispiele werden Apple, Facebook oder Google genannt, würde das nicht liegen, diese hätten zumeist positive Intention, er selbst sei mit vielen befreundet. Das Problem sei eher, dass sich zu viel Macht an einer Stelle sammle. “Wir müssen die Macht in den Einklang mit unserer Ethik bringen, ansonsten haben wir ein riesiges Problem.” Vor dem sogenannten Neuromarketing warnten kürzlich auch zwei deutsche Wissenschaftler und veröffentlichten ein Paper mit ethischen Grundregeln.

In den vergangenen Wochen war die Facebook-Tochter Oculus VR wiederholt dafür in Kritik geraten, dass Bewegungsdaten potenziell für Marketingzwecke eingesetzt werden könnten. Schon zuvor legte sich Lanier mit Oculus-Gründer Palmer Luckey an, als er dessen transhumanistische Fantasien über ein matrixartiges Metaverse kritisierte. “Wenn er etwas älter ist und mehr von der Welt gesehen hat, wird er seine Meinung ändern. […] Ich würde eine Welt vorziehen, in der jeder Mensch ein privilegierter Bürger ist und niemand in einer Matrix leben muss”, sagt Lanier gegenüber dem US-Magazin Wired.

“Die Realität ist perfekt, sie hat nur ein Problem: Man kann Vorstellungen und Träume nicht real machen.” Jaron Lanier, Zitat aus 'Nightline', 1993

| Source: Seattle Times | Featured Image: Microsoft / Screenshot Siggraph 2015