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Virtual Reality: Stanfords VR-Professor besorgt um Privatsphäre

von Matthias Bastian23. Juni 2016

Virtual Reality verspricht Werbern eine spannende Zukunft voller neuer Möglichkeiten, um an Daten zu gelangen und Werbung noch gezielter auszurichten. Nicht mehr nur nach Alter oder vermuteten Interessen, sondern nach der Persönlichkeit eines Menschen.

Möglich ist das aufgrund neuer Bewegungsdaten, die die VR-Brillen und Trackingsysteme an die Server von Facebook und Co. übermitteln. Schon jetzt sieht Facebook ganz genau, welcher Teil eines 360-Videos wie lange betrachtet wird. Das ist einerseits eine technische Notwendigkeit – das neue Streamingverfahren setzt darauf – aber andererseits kommt Facebook auf diese Art auch an die ersten Datensätze, die den Sprung ins Neuromarketing ermöglichen. Die Messung der Kopfrotation ist dabei nur ein erster und vergleichsweise harmloser Schritt.

Richtig spannend wird das Thema erst, wenn Augen-, Hand- und Körperbewegungen hinzukommen und man die Körpersprache in Relation zum Inhalt interpretieren kann. Das lässt Rückschlüsse auf Verhalten und Persönlichkeit zu, dient aber auch außerhalb der Werbebranche für die Optimierung von Inhalten. Ohne die Vorzüge der virtuellen Realität kleinreden zu wollen, sollte man den folgenden Sachverhalt nicht aus dem Blickfeld verlieren: Facebook und Co. installieren gerade Usability- und Forschungslabore in den Wohnzimmern vieler Menschen. In Kombination mit selbstlernenden Algorithmen und Auswertungsverfahren werden diese Messinstrumente sehr präzise Vorhersagen liefern.

Die möglichen Konsequenzen daraus, positiv wie negativ, lassen sich nicht einmal erahnen. Umso wichtiger scheint es, dass man sie zumindest frühzeitig diskutiert. Den ersten netztypischen Shitstorm musste Oculus VR bereits über sich ergehen lassen, handhabte diesen aber professionell gelassen, so wie viele Unternehmen das heutzutage machen. Man muss nur lange genug warten, dann schweigt der Mob schon wieder still. Das offizielle Statement seitens Oculus VR zur Mini-Datenaffäre gegenüber einem US-Senator interessierte ein paar Wochen nach der Entrüstungswelle niemanden mehr. Viele Medien berichteten unverständlicherweise nicht einmal darüber. Das darf man als stillschweigende Einverständniserklärung der Virtual-Reality-Szene interpretieren.

Stanfords VR-Forscher: In VR gibt es eine Illusion von Privatheit

Jeremy Bailenson leitet das Virtual Human Interaction Lab an der Stanford Universität. Schon seit 2003 forscht er gemeinsam mit Kollegen daran, wie sich Virtual Reality auf das Empathievermögen von Menschen auswirken kann und welche Potenziale sich daraus für das soziale Miteinander oder die Medizin ableiten lassen. Mit seiner Forschung hat er unter anderem nachgewiesen, dass sich anhand von Bewegungsdaten virtuelle Fußabdrücke erstellen lassen, die auf einzelne Nutzerprofile zurückgeführt werden können. Auf deren Basis lässt sich dann auch zukünftiges Verhalten prognostizieren.

Bailenson nennt einen wichtigen Punkt, warum gerade im Kontext von immersiven Medien das Datensammeln besonders gründlich diskutiert werden sollte. Während man auf den Webseiten von Facebook und Co. relativ bewusst wahrnimmt, dass man einen Medienservice eines Unternehmens nutzt – und das eigene Verhalten mitunter entsprechend adaptiert – fühlt sich die virtuelle Realität deutlich eher nach einem digitalen Zuhause an, in dem man sich privat aufhält und entsprechend benimmt. Bailenson nennt das die Illusion von Privatheit.

“Virtual-Reality-Technologie ist extrem immersiv, wir können nachweisen, dass das Gehirn VR auf eine ähnliche Art und Weise verarbeitet wie Erfahrungen in der Realität”, sagt Bailenson. “Wir müssen unbedingt berücksichtigen, wie das Medium auf Menschen wirkt.”

| Source: Stanford News | Featured Image: Pixabay