Virtual Reality: Überträgt sich virtuell gelerntes Verhalten in die Realität?
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Virtual Reality: Überträgt sich virtuell gelerntes Verhalten in die Realität?

von Matthias Bastian11. September 2016

Die Wissenschaftlerin Sun Joo-Grace Ahn forscht zum Thema Verhalten in der Virtual Reality. Sie geht davon aus, dass virtuell gelerntes Verhalten noch in der Realität nachwirkt.

Seit rund zwei Jahrzehnten beschäftigt sich die Professorin für Kommunikation und Marketing mit Virtual Reality, virtuellen Avataren und der Verkörperung des eigenen Selbst in VR-Umgebungen – und den Auswirkungen davon. Ihre Karriere startete sie an der Stanford Universität, gemeinsam mit dem VR-Wissenschaftler Jeremy Bailenson. Jetzt lehrt und forscht sie an der Universität Georgia.

Ahn ist davon überzeugt, dass immersive Erlebnisse in Virtual Reality das Verhalten von Menschen potenziell stärker beeinflussen als vergleichbare Inhalte in herkömmlichen Medien. Beispielsweise versetzte sie gemeinsam mit Kollegen Menschen in die Rolle einer Kuh, die zur Schlachtbank geführt wird. Die Teilnehmer dieses Versuchs und ähnlicher Experimente fühlten anschließend eine “stärkere Verbundenheit zwischen der Natur und dem eigenen Selbst” im Vergleich zu einem Video.

“These experiments demonstrate the promise of using digital media technology do more than just provide exposure to information, but that they also provide direct experiences that meaningfully engage individuals with environmental issues and increase involvement, which is necessary for people to fully process the content of the message (Bandura, 1997). At the same time, it seems that technology alone is not sufficient to induce the sense that nature is part of the self and involvement with nature. Individual perceptions of body transfer as a result of virtually embodying the experiences of animals seem to be the main driver of feeling connected and involved with nature. As Schultz (2000) argues, “We can be interconnected with other people, or more generally, we can be interconnected with all living things (p. 394).” Through three experiments, we propose that embodied experiences within IVEs may amplify the formation of such connections between humans and non-human entities.” Ahn, Experiencing Nature, 2015

In einem weiteren Experiment mussten Probanden mit einer virtuellen Kettensäge Bäume fällen. Im Anschluss an die Simulation verschüttete ein Wissenschaftler vermeintlich unbeabsichtigt etwas Wasser. Die Probanden, die zuvor virtuell Bäume fällten, nutzen rund 20 Prozent weniger Servietten als die Teilnehmer, die nur einen Artikel darüber lasen, wie ein Baum gefällt wird.

“Man kann in die Rolle eines Menschen mit Behinderung schlüpfen, die Perspektive anderer Menschen oder Tiere einnehmen”, sagt Ahn zum US-Radiosender KPCC. Diese Erfahrungen in virtuellen Welten zu machen, so Ahn, würde Menschen Probleme besser vor Augen führen und die Anteilnahme steigern, ohne dass sie dafür die physischen Konsequenzen der echten Welt ertragen müssten.

Die VR-Erfahrungen würden nicht als Ersatz für reale Erfahrungen dienen, sondern speziell in solchen Szenarien zum Einsatz kommen, in denen die echte Situation zu gefährlich oder schlicht unmöglich sei.

“Es wäre etwas unpraktisch, wenn wir Leute erst mit einer Krankheit infizieren müssten, um ihnen die Konsequenzen zu zeigen und so zu vorbeugenden Maßnahmen zu ermutigen”, sagt Ahn. Stattdessen könne man Menschen in der Virtual Reality mit möglichen Gesundheitsschäden konfrontieren und so eventuell eine Verhaltensanpassung herbeiführen. Einige Teilnehmer ihrer Experimente würden eine Woche oder einen Monat später noch davon sprechen, dass sie Probleme hätten, die virtuelle Erfahrung zu vergessen, da sie so lebensecht gewesen sei.

Auf einen ähnlichen Effekt setzt der schwedische Psychologe Philip Lindner, der versucht, Ängste und Phobien in der Virtual Reality zu lindern. Bei einem Experiment mit virtuellen Spinnen konnten Patienten mit Panik vor den Krabbeltieren ihre Angst etwas lindern. Zuerst wurden sie mit eher niedlichen Comic-Spinnen konfrontiert, die nach und nach gegen realistischere 3D-Modelle ausgetauscht wurden.

Das gleiche Prinzip wendet Lindner in einem VR-Trainingsprogramm für Kinder mit Angst vor Wasser an. Sie tauchen zuerst mit der VR-Brille virtuell unter, bevor sie in einem zweiten Schritt ins reale Schwimmbecken springen.

“VR ist wie Uranium”

Jeremy Bailenson, einer der führenden VR-Wissenschaftler und seit 20 Jahren in dem Feld aktiv, möchte die Wirkung von Virtual Reality nun in einer Langzeituntersuchung nachweisen oder widerlegen. Über 1.000 Probanden aus unterschiedlichen Lebenswelten werden in der Virtual Reality mit Erfahrungen konfrontiert, die potenziell Verhaltensänderungen zur Folge haben könnten. 400 dieser Experimente fanden bereits statt.

Ein halbes Jahr nach der Studie möchte Bailenson nachfassen und einen Teil der zuvor getesteten Probanden erneut zu ihrem Verhalten und dem VR-Erlebnis befragen. So soll geprüft werden, ob eventuelle Verhaltensanpassungen von Dauer sind.

Bailenson ist davon überzeugt, dass das neue Medium potenziell sehr mächtig ist. Virtual Reality, sagt er, sei wie Uranium. Das könne das Zuhause wärmen oder ganze Nationen zerstören, abhängig davon, wie Menschen es einsetzen.

| Via: SCPR.org / Wired | Featured Image: Stanford / AP (Screenshot bei YouTube)