Virtual Reality: VR-Brille Wearality Sky mit extra weitem Sichtfeld im Test
11509 0

Virtual Reality: VR-Brille Wearality Sky mit extra weitem Sichtfeld im Test

von Matthias Bastian2. Oktober 2016

Eine mobile VR-Brille für das Smartphone mit extra hochwertigen Linsen und einem Sichtfeld von 150 Grad. Bringt Wearality Sky das Cardboard-Erlebnis auf ein höheres Niveau?

Wearality Sky – da war doch was? Vor rund anderthalb Jahren schien es mir noch eine gute Idee zu sein, bei Kickstarter circa 80 US-Dollar in eine mobile Smartphone-Brille zu stecken. Mich verlockten der Formfaktor, der an eine normale Brille erinnert, sowie die Speziallinsen mit Fresnelschliff, die ein besonders weites Sichtfeld ermöglichen. Kompatibel ist die Brille mit allen Smartphones mit einer Displaygröße von 4,7 bis 6 Zoll.

Eigentlich sollte das Gerät bereits seit rund einem Jahr in meinem Besitz sein. Aber wie das eben bei Kickstarter so häufig der Fall ist, versprach Wearality viel und hielt wenig. Mit einer Verzögerung von gut zwölf Monaten hatte ich nun das Paket aus den USA – inklusive Zwischenstopp beim Zoll – vor meiner Tür stehen. Zwischenzeitlich hatte ich völlig vergessen, dass Wearality Sky überhaupt existiert.

Das Smartphone wird an der Vorderseite in die Plastikschale gesteckt. BILD: VRODO

Das Smartphone wird an der Vorderseite in die Plastikschale gesteckt. BILD: VRODO

Hässlich wie die Nacht

VR-Brillen sind generell keine Schönheiten. Oculus Rift oder Playstation VR mögen gerade noch so als wertig oder futuristisch durchgehen, Cardboard vielleicht als knuffig – die restlichen Geräte hingegen möchte man lieber nicht vor dem Kopf tragen. Wearality Sky gehört ganz eindeutig zu den weniger schönen Vertretern der neuen Technologie.

Es ist beim besten Willen nicht abschätzig gemeint – was zählt ist in der Virtual Reality – dennoch würde die Brille in jedem Kostümladen problemlos als närrisches Accessoire durchgehen. Die seitlichen Plastikabdeckungen, die etwas Umgebungslicht abhalten, versprühen den dezenten Charme der Schutzbrillen, die man in der achten Klasse im Chemieunterricht bei Bunsenbrenner-Experimenten aufziehen durfte. Aber: Sie erfüllen ihren Zweck erstaunlich gut.

Noch eine Stufe absurder wird es gar, wenn man den “Immersionsstoff” auspackt – ein knallig blauer Bezug, den man wie Bettzeug über eine Matratze über das Brillengestell zieht, um noch etwas mehr Außenlicht abzublocken.

Der Stoff, aus dem die VR-Träume sind, wird einfach über das Gestell gezogen. Bild: VRODO

Der Stoff, aus dem die VR-Träume sind – wird einfach über das Gestell gezogen. Bild: VRODO

Installiert man dann noch das optionale Kopfband, das am Nasenteil der Sky-Brille mit einer Klammer befestigt wird, und zieht sich das Konstrukt über den Kopf, sieht man endgültig wie ein verrückter Wissenschaftler aus, der gerade der Irrenanstalt entlaufen ist. Wer mal ein nerviges Stalker-Date loswerden möchte – mit Wearality Sky auf dem Kopf klappt das ganz sicher. Wie geht das Sprichwort doch gleich? Wer in VR sein will, muss leiden.

Scharf und weit

Genug der Kritik, denn Wearality Sky ist sicher kein schlechtes Produkt. Die Linsen halten, was im Vorfeld versprochen wurde. Das Sichtfeld ist deutlich weiter als bei herkömmlichen Cardboard-Brillen und übertrifft stationäre Geräte wie Oculus Rift oder HTC Vive.

Allerdings ist diese Weite teuer erkauft – das Bild wird deutlich sichtbar verzerrt, um das Sichtfeld in alle Richtungen zu verbreitern. Der Blick durch die Linsen der Sky-Brille ist mit dem durch ein Fischaugenobjektiv vergleichbar. Das wirkt sich natürlich auf die Wahrnehmung der Inhalte aus. Ein eigentlich enger Raum wirkt mit Wearality Sky deutlich weiter und größer. Bei 360-Fotos ist der Effekt besonders störend.

Wer das hinnehmen kann, bekommt einen Vorgeschmack darauf, wie sich ein weites Sichtfeld positiv auf die Wahrnehmung der virtuellen Umgebung auswirkt. Es fühlt sich einfach eine Ecke natürlicher und weniger nach Tunnelblick an als bei VR-Brillen mit niedrigem Sichtfeld.

Noch dazu zeichnet Wearality Sky ein deutlich schärferes Bild als alle anderen Cardboard-Brillen, die ich bislang ausprobieren konnte. Da der Markt für die Smartphone-Halterungen gnadenlos überfüllt ist, kenne ich aber nur einen Bruchteil der Geräte aus persönlicher Erfahrung. Eher unschön – aber nicht zu verhindern – ist es, dass man die feinen Rillen des Fresnelschliffs bei hellen Inhalten deutlich wahrnimmt. Auch der Rahmen des Smartphones ist im peripheren Sichtfeld sichtbar.

Der Fresnelschliff ist deutlich sichtbar und stört mitunter. Bild: VRODO

Der Fresnelschliff ist deutlich sichtbar und stört mitunter. Bild: VRODO

Fazit: Ich werfe sie nicht weg

Wearality Sky funktioniert wie beworben – nur leider viel zu spät. Vor anderthalb Jahren wäre das Gerät noch deutlich spannender gewesen als Ende 2016. Mit dem weiten Sichtfeld hat die Brille unter den ganzen Cardboard-Klonen dennoch ein klares Alleinstellungsmerkmal.

Besonders der schmale Formfaktor, dank dem das Gestell zusammengeklappt in die Hemdtasche passt, ist ein Vorteil. Die seitlichen Klappen, die beim VR-Gucken das Umgebungslicht etwas abhalten, schützen dann die Linsen vor Kratzern. Das ist zwar immer noch kein schönes, dafür aber cleveres Design, das den Machern sogar einen Preis auf der diesjährigen Computermesse CES einbrachte.

Die Brille lässt sich praktisch zusammenfalten, die Linsen sind geschützt. Bild: VRODO

Die Brille lässt sich praktisch zusammenfalten, die Linsen sind geschützt. Bild: VRODO

Gespannt bin ich, wie sich Wearality Sky gegenüber den kommenden Daydream-Brillen behaupten kann. Natürlich entspricht das Gestell nicht Googles Referenzdesign und wird wohl kein entsprechendes Zertifikat bekommen (der Wearality-Shop geht gerade erst online).

Solange Daydream-Apps nur über das Smartphone abgespielt werden, sollte die Sky-Brille ihren Dienst dennoch verrichten. Falls die Google-Initiative hochwertige VR-Inhalte zu Tage befördert, könnte sich die Investition noch rentieren und ich schaue das ein oder andere 360-Video und -Foto durch die extra weiten Linsen von Wearality Sky an.

Nur darf dann außer mir niemand im Raum sein.

| Featured Image: VRODO