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Virtual Reality: Wie sozialverträglich ist die virtuelle Realität?

von Tomislav Bezmalinovic9. Oktober 2016

Die virtuelle Realität wird unsere Lebensgewohnheiten verändern. Aber diese Veränderung vollzieht sich nicht plötzlich, sondern schleichend und nicht irgendwo, sondern inmitten unserer eigenen vier Wände. Unsere Kultur, so schreibt Adi Robertson, hatte noch nie mit einem so privaten Medium wie VR fertigzuwerden. Sie hat Recht: Wer sich eine VR-Brille aufsetzt, verschwindet für die Anderen und die Anderen verschwinden für ihn. Was das für das Zusammenleben bedeuten kann, beschreibt sie in einem Artikel.

Adi Robertson ist vor einigen Monaten mit ihrem Ehemann in eine gemeinsame Wohnung gezogen. Er beschäftigt sich beruflich, aber auch während seiner Freizeit ebenfalls mit Videospielen. Am Abend sitzen sie gemeinsam vor dem Fernseher und spielen Metal Gear Solid auf Playstation 4. Weil es für Einzelspieler konzipiert ist, wechseln sie sich ab. Der andere kommentiert derweil das Geschehen und liest oder schreibt parallel etwas. Sie spielen also nicht wirklich zusammen, aber in gewissem Sinne verbringen sie dennoch Zeit zusammen.

Mit der Playstation VR aber sei das nun unmöglich geworden, schreibt Robertson auf The Verge. Der Ehemann könne zwar auf dem Bildschirm sehen, was man spiele, aber sehr interessant wäre das nicht, da der Fernseher nur einen Ausschnitt des eigenen Sichtfelds darstellt und die ständigen Kopfbewegungen ein unruhiges Bild ergeben. Außerdem ist sie sich nie ganz sicher, ob ihr Ehemann anwesend ist. Robertson beschreibt, wie er beim Spielen glaubte, dass sie den Raum verlassen hat, während sie in Wirklichkeit immer noch bei ihm saß.

Zwei unvereinbare Welten?

Vielleicht komme ihr diese Erfahrung nur deshalb fremd vor, weil sie so neu ist. Aber was, wenn dem nicht so ist? In diesem Falle würde VR kaum zu einem Bestandteil ihrer alltäglichen Spielgewohnheiten werden und eine von diesen gesonderte Erfahrung bleiben, meint Robertson. Oder die VR-Brille wird eines Tages ihre Umgebung erkennen und diese in die virtuelle Realität hereinholen können, sodass man die Umgebung und andere Menschen nach Belieben in VR einblenden kann. Dieses “Augmented VR” könnte laut Michael Abrash in fünf Jahren durchaus möglich sein.

Social-VR war an der Oculus Connect eines der ganz großen Themen. So zeigte Mark Zuckerberg gleich zu Beginn der Keynote eine beeindruckende Social-VR-Demo. Zudem können Anwender in Oculus Home dank neuer Social Features demnächst Avatare erstellen und in virtuellen Lounges mit Freunden Filme schauen, Musik hören oder Spiele spielen. Wohlbemerkt: Damit wird die heimische Wirklichkeit komplett verlassen und in VR reproduziert. So scheint es am Ende, als wären diese beiden Wirklichkeiten unvereinbar, als könnte es nichts dazwischen geben und als müsste man sich für eine von beiden entscheiden.

Doch ist das schlimm? Ist man nicht täglich in zig Welten unterwegs? In der Arbeitswelt, in der Mitwelt der Anderen, in unserer eigenen Ideen-, Vorstellungs- und Gedankenwelt? Und alle diese Welten existieren nebeneinander. Wichtig ist, dass man das Vermögen bewahrt, zwischen diesen Welten umzuschalten und dass man sich nicht ganz in einer von ihnen verliert. Der Zweck von VR sollte niemals sein, eine dieser Welten komplett zu ersetzen, sondern lediglich zu ergänzen und zu bereichern. Auch wenn dies bedeutet, dass man die anderen Welten von Zeit zu Zeit für eine Stunde außen vor lässt.

Was denkt ihr darüber? Ist die VR-Brille ein Bestandteil eures (Spiele-)Alltags geworden oder nicht? Und wie reagieren eure Mitmenschen oder Mitbewohner darauf, dass ihre euch von Zeit zu Zeit eine VR-Brille aufsetzt? Diskutiert jetzt mit uns im VRForum.

| Featured Image: Starship