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Virtual Reality zum Entspannen – Die Chill-Out-App “Perfect” im Test

von Tomislav Bezmalinovic16. Dezember 2016

Wer hätte gedacht, dass so etwas jemals positiv gemeint sein könnte? Aber in diesem seltenen Fall ist dem tatsächlich so: Diese App ist zum Einschlafen. Ich habe Perfect ohne große Erwartungen gestartet – und bin kurze Zeit später friedlich weggedöst.

Das Erste, was ich sehe, ist ein endloser, blauer Himmel, in welchem Schäfchenwolken treiben. Eine freundliche Frauenstimme begrüßt mich und fordert mich mit Nachdruck auf, mich zurückzulehnen und zu entspannen. Dann werde ich vor die Wahl gestellt, drei unterschiedliche Regionen zu besuchen: eine hoch im Norden gelegene Schneelandschaft, eine Insel in tropischen Breitengraden und eine Gebirgsgegend.

Ein Unterschied wie Tag und Nacht

Jedem dieser Gebiete kann entweder am Tag oder in der Nacht erlebt werden, wobei das, was man zu sehen bekommt, unterschiedlich stark variiert: Im hohen Norden sieht man nachts am Himmel Polarlichter auftauchen und Sternschnuppen aufblitzen und das Lagerfeuer knistert und wirft Funken in die Luft, die vom Wind weggetragen werden.

Wer wie bei Google Earth VR auf die Tageszeit Einfluß nehmen möchte, wird enttäuscht sein. Denn die Zeit steht hier still: Die Sonne, die man in der Gebirgsregion sieht, wird nie den Horizont berühren, ganz gleichgültig, wie lange man ausharrt.

Perfect_Polarregion

Die Polarregion ist das erste von drei Gebieten, das man besuchen kann.

Innerhalb jedem der Gebiete kann man zwischen drei Stationen wechseln. In den Bergen kann man beispielsweise wählen, ob man das Gebirgsmassiv von einer Aussichtsplattform aus betrachten oder doch lieber an dem tiefer gelegenen See in der Nähe einer Hütte sitzen möchte. Dass man zu einer anderen Station wechseln kann, wird durch eine rote Lichtsäule signalisiert. Diese wirkt befremdlich und verschwindet leider erst, wenn man sie direkt anblickt.

Mängel bei der Steuerung

Um zu einer anderen Station zu springen, muss man die Lichtsäule in den Blick nehmen. Besser wäre gewesen, wenn man hierfür das Gamepad oder Oculus Touch verwenden könnte. Denn hat man es sich bereits gemütlich gemacht, will man sich nur ungern nach vorne neigen und mit dem Kopf die Umgebung nach Lichtsäulen absuchen. Dasselbe gilt für Drehungen um die eigene Achse, wenn man einen anderen Ausschnitt der Welt in den Blick nehmen möchte.

Hat man sich in einen Lehnsessel oder Schaukelstuhl gesetzt, verfügt man nur noch über einen sehr begrenzten Bewegungsspielraum. Mit einem Bürodrehstuhl könnte man sich noch drehen, aber sonderlich bequem dürfte das nicht sein. Dieses Problem wäre gelöst, wenn man sich per Gamepad oder Bewegungscontroller drehen könnte – am besten in 30-Grad-Schritten, damit einem dabei nicht schlecht wird.

Perfect_Insel

Die Inselregion wirkt etwas uninspiriert.

Hat man sich für eine von drei Stationen in einem Gebiet entschieden, kann man sich innerhalb dieser frei bewegen. Begrenzt wird man lediglich vom Trackingbereich des jeweiligen VR-Systems. Theoretisch kann man sich direkt an das Lagerfeuer oder neben das aufgeschlagene Zelt setzen. Teleportation oder eine andere Art künstlicher Fortbewegung unterstützt die Anwendung nicht. Dafür ist Perfect aber auch nicht ausgelegt. Die Landschaft soll man nicht erforschen, sondern auf sich wirken lassen.

Gleichwohl gibt es einige interaktive Elemente. In der Polarregion kann man beispielsweise nach Ästen greifen, die auf dem Boden liegen und diese ins Feuer werden. Diese beginnen daraufhin zu brennen. Oder man kann mit Schneebällen werfen, wobei nicht klar ist, inwiefern diese Tätigkeit dem Gesamterlebnis etwas hinzufügt.

Klanglandschaften

Die Qualität der Grafik schwankt stark zwischen den drei Regionen. Am besten gefallen hat mir die nächtliche Schneelandschaft, da sich in der Nacht viel am Himmel tut. Die Inselumgebung hingegen wirkt langweilig und gibt zudem optisch wenig her: Man sieht zum Beispiel keine Wellen gegen das Ufer schlagen und die Vegetation zeigt eine starke Kantenbildung und flimmert vor den Augen. Für wenig Begeisterung sorgt auch die dritte Region, die trotz des Gebirgsmassiv wenig eindrucksvoll und etwas blaß und detailarm wirkt.

Perfect_Gebirge

Die Berge wirken nicht so imposant, wie man es erwarten könnte.

Perfect bietet nicht nur für etwas für die Augen. Bei jeder Station liegt in Griffnähe ein virtuelles Radio, das man an- oder ausknipsen kann. Läßt man es laufen, kann man zwischen verschiedenen Ambientstücken wählen, die sich gut in die Atmosphäre einfügen. Selbst wenn man diese Art von Musik mag, sollte man das Radio gelegentlich ausschalten, um die Geräuschkulisse der Natur auf sich wirken zu lassen. Diese wurden von den Entwicklern glaubhaft eingefangen. In der Polarregion kann man sogar das Heulen von Wölfen vernehmen.

Fazit

Viel zu entdecken oder zu tun gibt es in Perfect nicht, aber darauf ist die Anwendung auch nicht ausgelegt. Wer an Perfect Gefallen finden möchte, muss sich zurücklehnen und die Landschaft auf sich wirken lassen. Dann verfehlt die App ihre Wirkung nicht. Die Qualität der Gebiete schwankt zwar und die Inhalte lassen beim Umfang insgesamt zu wünschen übrig, dennoch geht der Preis in Ordnung, da man die Orte wiederholt besuchen dürfte. Perfect ist ungewohnt und gibt einen Einblick in ein neues Genre von Virtual-Reality-Erfahrungen, das uns in der Zukunft häufiger begegnen dürfte.

Perfect ist ab sofort auf Oculus Home und Steam zu einem vergünstigten Preis von 7,99 Euro erhältlich. Im europäischen Playstation Store soll die VR-Erfahrung ab dem 20. Dezember verfügbar sein. Bewegungscontroller werden nicht zwingend vorausgesetzt.

| Featured Image: nDreams

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