Lust auf ein saftiges Stück Tyrannosaurus Rex? Mit diesem virtuellen Esserlebnis könnte das in Zukunft gefühlte Wirklichkeit werden.
8194 0

Virtuelle Nahrung in Virtual Reality: “Einmal Dino-Steak, bitte” *Update*

von Matthias Bastian8. Juli 2016

Update vom 8. Juli 2016:

Project Nourished ist nach wie vor ein Ding. Die Entwickler stellen jetzt ein erstes Starterpaket bereit, das eine Cardboard VR-Brille samt 360-Video und den versprochenen Aromazerstäuber beinhaltet. Dieser soll den Geruchssinn passend zur virtuellen Erfahrung täuschen. Ein Geruchsmodul wird beigelegt, fünf weitere können für 20 US-Dollar bestellt werden. Darunter sind illustre Düfte wie “Geruch von Angst” oder “Charlies Schokoladenfabrik”.

Ursprünglicher Artikel vom 31. Januar 2016:

“Stell Dir vor, Du kannst alles essen was Du willst – ohne Reue” – so lautet der Leitspruch von “Project Nourished”, einem Experiment, bei dem ein Team aus Ernährungsexperten, Designern und Programmierern gemeinsam die Virtual-Reality-Nahrung der Zukunft entwerfen will.

Seit 2014 arbeitet Kokiri-Lab-Gründer Jinsoo An zusammen mit seinen Mitarbeitern an neuen Ideen und Konzepten, wie tragbare Technologie Nutzen stiften kann. Die grundlegende These hinter Project Nourished: Essen dient dem Lebenserhalt, ist aber gleichzeitig auch eine Form der Kunst und der Erinnerung, die über das Sehen, Riechen, Fühlen und Schmecken zusammengeführt wird.

Im Nourished-Experiment versucht das Team eben jene Sensorik so zu manipulieren, dass der Mensch glaubt, dass er isst und schmeckt – obwohl er gar nicht isst und schmeckt. Oculus-Rift-Erfinder Palmer Luckey fragte vor einiger Zeit bei Twitter, was denn der Unterschied zwischen einer virtuellen und der realen Welt sei, nur um seine Frage gleich darauf selbst zu beantworten: “Die Menge der Daten.” Eben jene Datenmenge erhöht das Team des Kokiri Labs, indem es mit einer ganzen Auswahl an verschiedenen Technologien alle für die Nahrungsaufnahme relevanten Sinne stimuliert. Das Experiment besteht aus insgesamt sechs Kernkomponenten:

Die VR-Brille stimuliert den Sehnerv und zeigt dem Brillenträger ein real wirkendes und möglichst schmackhaftes Bild der gewünschten Nahrung. Außerdem wird die Essumgebung passend zur Nahrung festgelegt und soll an sich schon ein Erlebnis sein, beispielsweise nimmt man virtuelles Sushi in entspannter Atmosphäre in einem Park in Kyoto, Japan, zu sich.

Ein Aromazerstäuber verteilt Geruchspartikel in der Luft, die zum Seheindruck passen. Liegt ein Burger auf dem virtuellen Tisch, riecht es nach gebratenem Fleisch, wird Sushi serviert, dann duftet es nach eingelegtem Ingwer, Reis, Sojasoße und Wasabi.

Besonders ausgefallen ist ein eigens von Audio-Ingenieuren entwickelter Kausimulator, der authentische Kaugeräusche und Vibrationen des Kieferknochens, passend zur Textur der virtuellen Speise, an das Innenohr weiterleitet.

Das vierte Element ist eine mit Gyroskopen ausgestattete Gabel, mit der man sowohl das reale als auch das virtuelle Essen aufnehmen und zum Mund führen kann. Diese steckt man in eine Portion Agar-Agar, eine Art vegane Gelatine, die geschmacksneutral und unverdaulich ist, aber dem virtuellen Esserlebnis ein glaubhaftes Mundgefühl verleihen soll. Laut den Entwicklern kommen die essbaren Vierecke aus dem 3D-Drucker.

Der letzte Bestandteil der virtuell-gastronomischen Erfahrung ist ein Cocktailglas, das mit Sensoren ausgestattet ist. Das Virtual-Reality-Programm merkt sich, wann und wie oft das Glas zum Mund geführt wird und manipuliert Sicht und Gehör passend zum theoretischen Promillegehalt. Das Resultat: Man fühlt sich betrunken, ohne, dass man auch nur einen Schluck Alkohol zu sich genommen hat.

Lust auf ein saftiges Stück Tyrannosaurus Rex? Mit diesem virtuellen Esserlebnis könnte das in Zukunft gefühlte Wirklichkeit werden.

Die einzelnen Bestandteile des Project Nourished in der Übersicht. BILD: Project Nourished / Kokiri Labs

Virtuelles Essen für mehr Nachhaltigkeit

Im ersten Moment mag die Beschreibung des Project Nourished nach einem reinen Kunstprojekt klingen oder gar wie Gesellschaftskritik wirken, aber so ist das Experiment nicht angelegt. Laut dem Projektleiter Jinsoo An gibt es eine ganze Reihe an sinnvollen Anwendungsszenarien. Zum Beispiel für Allergiker: “Ich reagiere sensibel auf Gluten und Soja, nun kann ich aber entsprechende Nahrungsmittel essen, ohne unter den Konsequenzen zu leiden”, sagt Jinsoo An. Darüber hinaus kann sich das Team noch eine Reihe weiterer Einsatzgebiete für die Virtual-Reality-Nahrung vorstellen. Beispielsweise um über weite Distanzen hinweg gemeinsam zu speisen, für verschiedene Formen der Ernährungstherapie, die speziell für Kinder mit spielerischen Elementen versehen werden können, oder abwechslungsreichere Esserlebnisse für Astronauten. Älteren oder kranken Menschen, die nicht mehr richtig kauen können, soll Project Nourished ein alternatives Ernährungskonzept bieten.

Als weiteren Vorteil nennen die Kokiri Labs die Chance, bestimmte Geschmäcker und Nahrungsmittel, die möglicherweise ab einem bestimmten Punkt in der Geschichte der Menschheit nicht mehr verfügbar sind, für die Nachwelt zu konservieren. Dieses Prinzip lässt sich aber auch umdrehen: Statt bereits bekannte Geschmäcker virtuell zu speichern, könnte man auch völlig neue Nahrung aus einer alternativen Realität kreieren, die tatsächlich nur rein virtuell existiert. Hat jemand Appetit auf ein saftiges Stück Tyrannosaurus Rex?

Project Nourished läuft seit Winter 2015 auf Hochtouren. Laut den Kokiri Labs wurden seitdem einige grundlegende Fortschritte gemacht. Mehr Informationen zum Projekt gibt es auf der offiziellen Webseite.

| FEATURED IMAGE: Project Nourished / Kokiri Labs
| SOURCE: Project Nourished / Kokiri Labs