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VR-Brille Pico Goblin im Test: Wie gut ist autarke Virtual Reality?

von Matthias Bastian22. Oktober 2017

Der chinesische Hersteller Pico bringt mit Goblin eine vollständig autarke VR-Brille auf den Markt. Macht sie Spaß?

Rein technisch betrachtet bietet die Goblin-Brille ein VR-Erlebnis, das mit Samsung Gear VR oder Google Daydream vergleichbar ist. Der Preis dafür liegt bei ordentlichen 300 Euro inklusive sehr einfach gehaltenem Bewegungscontroller mit Touchpad und einem Multifunktionsknopf. Immerhin ist im Gehäuse der Brille praktisch schon ein Highend-Smartphone verbaut.

Das integrierte TFT-Display löst mit 2.560 x 1.440 Pixeln auf, die maximale Bildwiederholrate liegt laut dem Hersteller bei 70 Hz. Das Bild ist durch den höher aufgelösten Screen eine Ecke schärfer als bei Oculus Rift und HTC Vive. Insbesondere Text ist dadurch besser lesbar. Leider hängen die Linsen und das optische System ansonsten deutlich hinterher: Ein Fliegengittereffekt ist trotz der höheren Auflösung klar erkennbar, außerdem ist das Sichtfeld mit rund 90 Grad sehr eng.

Angetrieben wird Goblin von Qualcomms Snapdragon-Prozessor 820, der VR-Grafiken auf Smartphone-Niveau rendert. Der gleiche Prozessor arbeitet beispielsweise im Galaxy S7 und taugt für Gear VR.  Natürlich bietet die Goblin-Brille nicht ansatzweise die grafische Klasse, die man mit den PC-Brillen oder Playstation VR erleben kann.

Die größte technische Einschränkung ist jedoch eine andere: Sowohl die VR-Brille als auch der Bewegungscontroller unterstützen nur drei Freiheitsgrade auf einer 2D-Achse – also links, rechts, hoch, runter und Drehungen um die eigene Achse. Bewegungen in die Tiefe des Raumes sind hingegen nicht möglich. Das schränkt das Virtual-Reality-Erlebnis enorm ein.

Und noch eine Plattform

Zwar läuft die Goblin-Brille auf Basis von Android 6, jedoch versucht Pico – natürlich – ein eigenes Ökosystem auf die Beine zu stellen. Im Pico-Store sind rund 50 VR-Apps herunterladbar, darunter viele sehr einfache, unbekannte und zum Teil von Pico selbstentwickelte Spiele. 360-Videos kann man mit der App “VeeR” ansehen, die in Sachen Auswahl und Nutzungskomfort leider nicht an YouTube 360 oder vergleichbare Videoplattformen heranreicht, die für andere VR-Brillen verfügbar sind.

Für ambitionierte Spieler oder VR-Enthusiasten ist das Gerät sicher nicht gedacht.

Eigene Videos können derzeit nur mit erhöhtem Aufwand über einen Entwicklermodus auf die VR-Brille übertragen und abgespielt werden. Ein baldiges Software-Update soll diesen Prozess vereinfachen, zum Zeitpunkt des Tests stand das allerdings noch nicht zur Verfügung. Die Einschränkungen bei 360-Videos sind ein großer Minuspunkt, denn genau für dieses Medium ist die Goblin-Brille noch am ehesten geeignet.

Für ambitionierte Spieler oder VR-Enthusiasten ist das Gerät sicher nicht gedacht: Die einfachen VR-Apps mit Simpelsteuerung ohne Tiefgang lassen erfahrene Nutzer nur mit dem Kopf schütteln. Gelegenheitsnutzer kommen als Zielgruppe gar nicht erst in Frage, die kaufen sich kaum keine Nischenbrille mit Premiumpreis.

Hinzu kommt, dass Goblin weder beim Formfaktor noch beim Tragekomfort glänzen kann. In beiden Fällen bietet die Brille gerade so Durchschnitt. Einen Pluspunkt gibt es dafür, dass die Bildschärfe manuell über ein Rädchen justiert werden kann.

Formfaktor und Tragekomfort sind nur Durchschnitt, dafür kann die Sehschärfe justiert werden. Bild: VRODO

Formfaktor und Tragekomfort sind nur Durchschnitt, dafür kann die Bildschärfe justiert werden. Bild: VRODO

Fazit: Ein Produkt ohne Zielgruppe

Ähnlich wie bei Facebooks neuer VR-Brille Go steht eine Frage groß im Raum: Um welche Käuferschaft wird hier eigentlich gebuhlt? Pico Goblin bietet weder bei den Inhalten noch bei der Technologie den notwendigen Reifegrad, um für einen breiteren Markt interessant zu sein. Highend-Enthusiasten lässt das Gerät kalt, einen Markt außerhalb dieser Blase gibt es – wenn überhaupt – nur für sehr günstige Plastikhalterungen. Für 300 Euro ist Goblin im Vergleich sehr teuer, ohne signifikanten Mehrwert zu bieten.

Frauen feiern Partys mit Low-End-VR. Nicht.

Klar, das Highend-Smartphone ist quasi schon verbaut und das rechtfertigt aus Perspektive des Herstellers sicherlich den hohen Preis. Aus Kundensicht sind 300 Euro dennoch eine ordentliche Summe. Denn anders als beim Smartphone-VR-Konzept kann die teure Hardware eben nur für Virtual Reality genutzt werden und dient nicht zusätzlich als Multifunktionsgerät im Alltag.

Offenbar findet die autarke VR-Brille dennoch Abnehmer: Auf Nachfrage bestätigt Pico, dass das Unternehmen mit den Verkaufszahlen zufrieden ist und neue Ankündigungen plant.

Bereits enthüllt wurde Pico Neo, eine weitere autarke VR-Brille, diesmal jedoch mit sechs Freiheitsgraden und einem deutlich schnelleren Snapdragon-835-Prozessor. Neo ist technisch viel interessanter als das aktuelle Goblin-Modell, die Frage nach der Zielgruppe und nach hochwertigen Inhalten stellt sich dennoch.

Dass junge hübsche Menschen in naher Zukunft unterhaltsame Low-End-VR-Partys mit einer Frauenquote von über 50 Prozent feiern – dieses Szenario will Picos Marketingabteilung herbeiwerben – scheint jedenfalls sehr unwahrscheinlich.

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