Auf dem Venice VR Festival gibt es unzählige und zum Teil sehr ausgefallene VR-Erfahrungen zu bestaunen. VR-Bloggerin Pola Weiß hat eine Auswahl besonders spannender Projekte zusammengestellt.

Digility 2018


Über die Autorin:

Pola Weiß arbeitet als Freiberuflerin in Berlin und schreibt auf ihrem Blog VR Geschichten über Storytelling in Virtual Reality. Bevor sie zurück in ihre Wahlheimat Berlin gezogen ist, war sie drei Jahre lang freie Redakteurin beim SWR Fernsehen in Baden-Baden. Dort hat sie Kulturdokumentationen, Dokumentarfilme und Online-Projekte für den SWR, Das Erste und Arte betreut. Gute Geschichten, egal in welchem Medium, sind ihre Passion.


Nach meiner Reise zum Tribeca Film Festival werde ich dieses Jahr auch zu den Internationalen Filmfestspielen von Venedig fahren – und freue mich schon wie verrückt. Virtual Reality ist zwar erst seit letztem Jahr dabei. Das Festival soll aber dennoch bereits eine der besten VR-Ausstellungen bieten.

Ich habe mir das diesjährige Programm von Venice VR einmal genauer angeschaut. Das Festival finde vom 30. August bis zum 8. September statt. Hier ist meine hemmungslos persönliche Vorauswahl der spannendsten Projekte.

Nach dem Festival berichte ich über meine Eindrücke – hier und im Podcast. Also haltet die Augen und Ohren auf.

Gruselkabinett: Von Geistern, Hexen und Kobolden

Schon der Veranstaltungsort klingt extravagant: eine kleine Insel vor Venedig namens Lazzaretto Vecchio. Dorthin kommt man nur per Boot – und hoffentlich auch wieder zurück.

Das war nicht immer so: Im Mittelalter hat die Stadt ihre Pestkranken auf die „Insel des Schmerzes“ geschickt und dort bis zu ihrem Tod (mehr oder weniger) gepflegt. Wie passend für die ersten drei VR-Erfahrungen.

Da ich ja schon so begeistert war von Jack: Part One, bin ich natürlich am gespanntesten auf The Horrifically Real Virtuality. Das ist laut der beiden Kuratoren Liz Rosenthal und Michel Reilhac die aufwendigste und größte der diesjährigen VR-Installationen. Sie soll ganze 40 Minuten dauern.

Die Geschichte ist angelehnt an die Lebensgeschichte von Filmregisseur Ed Wood (als Star mit dabei: sein Geist!). Die VR-Erfahrung handelt von einem Filmdreh, der ganz und gar in die Hose zu gehen droht.

Die Teilnehmer der VR-Erfahrung werden in kleinen Gruppen durch die Installation geführt und können selbst am Dreh teilnehmen. Der Film im Film also. Besonders interessant ist The Horrifically Real Virtuality, weil die Regisseurin Marie Jourdren letztes Jahr mit Alice schon in Venedig war und überzeugte. Das Stück hatte sie zusammen mit Mathias Chelebourg entwickelt. Es war wie Jack eine Theaterinstallation mit echten Schauspielern.

The Horrifically Real Virtuality ist ein außerordentlich ambitioniertes VR-Projekt. Bild: Rosenthal / Reilhac

The Horrifically Real Virtuality ist ein außerordentlich ambitioniertes VR-Projekt. Bild: DVGroup

Nach ein wenig Grusel und noch viel mehr Romantik klingt A Discovery of Witches – Hiding in Plain Sight. Das ist ein fiktionaler VR-Film, bei dem man die gesamte Geschichte aus den Augen je einer der beiden Hauptfiguren erleben kann. Sie gehört übrigens zu der gleichnamigen Sky-Fantasy-Serie, die bald anlaufen soll und sich wie eine Mischung aus Harry Potter und True Blood anhört.

Richtig gruselig wird auch Kobold von der Berliner Firma AnotherWorld VR. Die Geschichte dreht sich um einen kleinen Jungen, der verschwunden ist. Das Ziel ist einfach: Rette den Jungen – und überlebe. Das ist gar nicht so leicht in einer verlassenen Villa, in der man von einem überaus unheimlichen Wesen verfolgt wird. Dieses Wesen entstammt einer alten, deutschen Mythologie (weshalb man in der VR-Welt auch immer wieder leises Wispern auf Deutsch hört).

Mit den Füßen im Matsch

Ich sehe mich schon wie ein Kind mit nackten Füßen in einer Pfütze herumspringen. Ich übertreibe nicht – das könnte vielleicht wirklich passieren: bei dem Projekt X-Ray Fashion. In dem Film geht es um Mode im 21. Jahrhundert.

Von Ausbeutung bei der Produktion hin zu unserer leichtfertigen Wegwerfmentalität und den daraus resultierenden Bergen ausgemusterter Kleidung. Damit sich das Publikum auch wirklich so fühlt, als sei es vor Ort, werden die Teilnehmer barfuß auf verschiedene Materialien geführt.

Etwas Ähnliches droht mir bei The Roaming – Wetlands. Nur da ist es kein Wasser, sondern Sumpf. Und ein Mord.

Der Wahnsinn im Kopf

Gleich mehrere Erfahrungen drehen sich um die menschliche Psyche. In die kann man per Virtual Reality eintauchen.

Spannend klingt vor allem Mindpalace VR: In dem neuen VR-Film des Sonar-Regisseurs Dominik Stockhausen und seinem Ko-Regisseur Carl Krause springt man in den Kopf eines geliebten Menschen. Dort wird sichtbar, was nicht immer ausgesprochen wird, einschließlich düsterer Geheimnisse und wilder Gefühle. Die VR-Erfahrung schafft den Sprung von Baden-Württemberg nach Venedig.

Der VR-Animationsfilm Lucid verfolgt dieselbe Idee, erzählt sie aber völlig anders. Es geht um Eleanor und ihre Tochter Astra. Als Eleanor nach einem Unfall im Koma liegt, will Astra sich ein letztes Mal von ihr verabschieden. Dafür unterzieht sie sich einer sehr experimentellen Methode und reist in die wirklich verrückte Traumwelt ihrer Mutter.

In The Unknown Patient taucht das VR-Publikum tief in die „eigene“ Psyche ein. Der interaktive Film basiert auf der wahren Geschichte eines ehemaligen Soldaten, der an schwerer Form von Amnesie litt. Jetzt muss er herausfinden, wer er ist.

Ab in den Weltraum

Wem all das zu viel Psychologie ist, der kann von Venedig aus ins All fliegen. Ganz besonders freue ich mich auf Eclipse. Das dürfte ähnlich spannend wie The Horrifically Real Virtuality werden – und stammt ebenfalls aus Frankreich.

Der Beschreibung nach ist es ein Multi-Player-Escape-Room-Space-Abenteuer (ja, genau: wow!). Und als wären das noch nicht genügend Bindestriche, soll das Ganze noch in “4D” sein. 4D – das habe ich bereits einmal in New York im Kino mitgemacht: Bei einem immersiven Filmchen wurde ich jeweils passend zur Situation mit Wind angeblasen, in den Rücken gehauen oder mit Wasser bespritzt.

Erwähnenswert ist definitiv die Premiere der neusten Folge der Serie Spheres – in umgekehrter Reihenfolge. In Venedig wird Folge 1 gezeigt, während ich die dritte Folge mit Patti Smith als Sprecherin bereits beim Tribeca Film Festival gesehen habe. Bei Venice VR kann man zum ersten Mal alle drei Folgen der Serie am Stück schauen.

Jede Menge Animationsfilme

In der gut vertretenen Gruppe der animierten Kurzfilme gibt es bei Venice VR einige große Namen. Zum einen feiert endlich der neue Film der Baobab Studios in seiner finalen Version Weltpremiere.

Baobab Studios – das waren die mit den beiden wundervollen Filmen Asteroids! und Invation! In Crow: The Legend, ihrem neuen Werk, spricht Oprah Winfrey keinen geringeren als Gott (oder so?) und Musiker John Legend die Hauptperson, den kleinen Vogel. Schon 2017 hat VRODO darüber berichtet, jetzt also ist es soweit.

Die Baobab Studios haben sich mit dem Musiker John Legend zusammengetan, um eine indianische Erzählung für die Virtual Reality umzusetzen.

“Rainbow Crow” setzt eine uralte, indianische Legende für Virtual Reality um.

Google stellt eine neue Spotlight Story vor: Age of Sail ist mit zwölf Minuten der bislang längste Film der Spotlight-Reihe. Er erzählt die Geschichte eines Mädchens, das von einem alten Fischer vor dem Ertrinken gerettet wird und fortan bei ihm lebt.

Bei den Animationsfilmen sollte man auf keinen Fall The Great C vergessen. Es ist eine in 360-Grad verfilmte Kurzgeschichte von Science Fiction-Legende Philip K. Dick. Mehr dazu hier.

Ohne großen Namen, aber nicht minder interessant, scheint der Film Fresh Out aus China zu sein. Ich habe keine Ahnung, um was es genau geht. Außer, dass darin animierte – somit sprechende – Karotten vorkommen. Als Zuschauer wird man anscheinend sogar selbst zu einer und muss sich vor den karottenfressenden “Monstern” schützen! Wie genial ist das denn bitte?!

Niedlicher Möhren-Horror aus China. Bild: Sandman Studios

Niedlicher Möhren-Horror aus China. Bild: Sandman Studios

Zwei andere Animationsfilme durfte ich bereits beim Tribeca Festival sehen, sie laufen in Venedig deswegen außer Konkurrenz. Es sind Battlescar und Arden’s Wake: Tide’s Fall, die mich beide vollkommen begeistert haben (hier der ausführliche Bericht).

Dokumentarfilme in VR

Bei den VR-Dokumentationen freue ich mich auf eine ganze Reihe Highlights. Vorneweg ist Home After War der Berliner Firma Now Here Media zu nennen, über das ich auf VR Geschichten bereits geschrieben habe. Es geht um Bomben, die der IS bei seinem Rückzug aus dem irakischen Ort Fallujah zurückgelassen hat.

Wahre Todesfallen sind sie und bringen Menschen, die vor dem Krieg geflohen sind und nach und nach in die Heimat zurückkehren, um ihre Häuser oder um ihr Leben.

Interessant an dem Projekt ist, dass es eben nicht “nur” in 360-Grad gedreht ist, sondern die Produzenten in Kooperation mit den Berliner Photogrammetrieprofis realities die Orte originalgetreu gescannt haben. Ich werde die Häuser also selbst betreten können – ein ganz schön beklemmendes Gefühl.

Drei weitere dokumentarische Projekte integrieren Material, das ursprünglich gar nicht für VR gedacht war.

In Made This Way: Redefining Masculinity geht es um das Lebensgefühl und die Schwierigkeiten von Transgender-Männern. Dabei kombiniert der Film “flache” Fotografien mit volumetrisch gefilmten Szenen.

1943: Berlin Blitz vom BBC VR Hub lässt Archiv-Tonmaterial aus dem zweiten Weltkrieg wieder aufleben. Damals saß BBC-Journalist Wynford Vaughan Thomas in einem der Flugzeuge, die Bomben über Berlin abwarfen, und kommentierte das Geschehen live.

Von diesem Prinzip ist die BBC so überzeugt, dass sie es gleich noch einmal angewandt hat: In Make Noise kann man die Stimmen von Frauenrechtlerinnen hören, den berühmten Suffragetten. Die Originalaufnahmen sind in die interaktive VR-Erfahrung integriert und wollen motivieren, die eigene Stimme zu erheben. Das ist durchaus wörtlich gemeint.

Tanze, tanze!

Geich mehrere Projekte im Wettbewerb von Venice VR widmen sich dem Thema Tanz: Das erste ist Half Life VR. Es wird nur als Kurzform gezeigt und klingt erst einmal nicht so spektakulär: eine Ballett-Inszenierung gefilmt in 360-Grad.

Allerdings haben die Tänzer sie speziell für die Kamera aufgeführt und die Zuschauer sind so mitten im Geschehen. Außerdem verspricht die Ankündigung so viele Kamerawinkel und -Bewegungen wie noch nie bei einer VR-Produktion. Wer würde das nicht sehen wollen?

Ballavita von Amilux Film hingegen ist ein künstlerischer Spielfilm mit Tanzszenen und einer bemerkenswerten Länge von 30 Minuten. Ein bisschen Fantasy ist auch noch dabei, denn es geht um Maria, eine junge Tänzerin, die von einem bösen, alten Mann in eine fremde Welt gelockt wird. Sämtliche Szenen wurden übrigens im Greenscreen-Studio gedreht und später in die 3D-Modelle der Kulissen eingefügt.

Ballavita: Maria, eine junge Tänzerin, wird von einem bösen, alten Mann in eine fremde Welt gelockt. Bild: Amilux

Ballavita: Maria, eine junge Tänzerin, wird von einem bösen, alten Mann in eine fremde Welt gelockt. Bild: Amilux

Außer Konkurrenz läuft außerdem noch VR_I. Das habe ich tatsächlich noch nirgendwo gesehen und bin entsprechend neugierig. Es ist eine Installation des Schweizer Choreographen Gilles Jobin, in der mehrere Personen zusammen eine phantastische Welt betreten. Dort können sie (wenn sie denn wollen) miteinander reden und sogar tanzen.

Die Preise

Bei Venice VR stehen die VR-Erfahrungen in einem richtigen Wettbewerb: Von den insgesamt 40 Erfahrungen sind 30 für die Preise nominiert. Das ist zum einen der Preis für die beste interaktive VR-Erfahrung (11 Nominierungen) und zweitens derjenige für die beste lineare VR-Erfahrung (19 Nominierungen). Kategorien-übergreifend wird zusätzlich noch der Preis für die beste immersive Geschichte verliehen.


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