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VR-Filmer zweifeln an Virtual Reality als der “ultimativen Empathiemaschine”

von Tomislav Bezmalinovic3. Mai 2017

Im März 2015 hielt der Filmemacher Chris Milk einen Vortrag, in dem er die VR-Brille als die “ultimative Empathiemaschine” bezeichnete. Seine These: Virtual Reality könne Nutzer noch besser in die Situation anderer Menschen versetzen als traditionelle Medien, weil man gleichsam an den Ort eines Geschehens transportiert wird und dieses hautnah miterlebt. Am Tribeca Film Festival zeigte sich, dass mehr und mehr VR-Filmemacher an dieser Idee zweifeln.

Das VR-Studio Here Be Dragons, das für Chris Milks 360-Grad-Videoplattform “Within” regelmäßig Filme produziert, hat auf dem Tribeca Film Festival zwei neue Arbeiten vorgestellt. Während The Protectors von Aufsehern handelt, die im kongolesischen Nationalpark Garamba ihr Leben aufs Spiel setzen, um Elefanten vor Wilddieben zu schützen, geht es in The Last Goodbye um einen Holocaust-Überlebenden, der das Konzentrationslager Majdanek besucht, in dem seine Familie ermordet wurde.

“Ich will nie wieder jemanden von der ‘Empathiemaschine’ reden hören”, sagt der Mitgründer und Leiter des Studios Patrick Milling-Smith gegenüber The Verge. Er halte zwar an Idee fest, dass Virtual Reality in der Lage sei, Empathie hervorzurufen, dennoch finde er, dass der Begriff mittlerweile überbeansprucht werde.

Amaury La Burthe lehnt den Ausdruck ebenfalls ab, wenn auch aus anderen Gründen. La Burthe hat an “Unrest” mitgearbeitet, einem VR-Film, der den Kampf der Regisseurin gegen das Chronische Erschöpfungssyndrom (CES) dokumentiert.In dem Film gehe es nicht darum, Mitgefühl zu wecken, sondern eine Erfahrung zu schaffen, die sich real anfühlt, sagt La Burthe.

Er fände VR-Dokumentationen über Flüchtlinge seltsam und ineffektiv und meint damit vermutlich das preisgekrönte “Clouds over Sidra”, das die Situation in einem jordanischen Flüchtlingslager zeigt. Dass die Dokumentation in 360-Grad gedreht ist, füge dem Film nicht viel hinzu, meint La Burthe und ergänzt: “Ich ziehe eine gute Dokumentation vor.”

Die wahren Stärken des Mediums sind noch unentdeckt

In einem im Februar erschienenen Essay kritisierte Kathryn Hamilton an Clouds over Sidra, dass der VR-Film für eine audiovisuelle Immersion sorge, die für den Betrachter ohne Konsequenzen bleibt. Einen Monat später setzte sich der Spielentwickler Robert Yang in einem Blogeintrag kritisch mit dem Begriff der Empathiemaschine auseinander. “Wenn man es nötig hat, sich eine 360-Grad-Sicht über den Kopf zu stülpen, um das Leiden eines Menschen nachzuvollziehen, dann ist einem deren Leid ohnehin egal”, schreibt Yang.

Ethan Shaftel glaubt an das Potenzial von Virtual Reality, Mitgefühl zu wecken, aber ebenso daran, dass dieses Potenzial missbraucht werden kann. In seinem 360-Grad-Film “Extravaganza” geht es um einen Mann, der eine VR-Brille anprobiert, die als Empathiemaschine angepriesen wird. Als er durch die VR-Brille blickt, sieht er – zu seinem Vergnügen – Puppen, die sexistische und rassistische Stereotypen bestätigen und der Reihe nach symbolisch abgeschlachtet werden. “Dieses Puppenspiel wurde für Leute wie ihn, von Leuten wie ihm gemacht, und es macht die Welt kein bisschen besser”, sagt Shaftel.

Virtual Reality sei eine Immersionsmaschine und als solche durchaus in der Lage, den Zuschauer an einen anderen Ort zu versetzen. Dies bedeute aber nicht zwingend, dass sie mehr Mitgefühl wecken könne als andere Medien, glaubt Shaftel. In einem gewissen Sinne wäre sie dazu sogar weniger imstande als der herkömmliche Film, weil man sich selbst in der Virtual Reality stärker wahrnimmt als in Filmen. Im direkten Vergleich seien die gegenwärtigen Techniken des VR-Films, Empathie hervorzurufen, noch unausgereift. Laut Shaftel werde es noch eine Weile dauern, bis VR-Filmemacher die wahren Stärken des Mediums entdecken.

| Featured Image: Here Be Dragons | Source: The Verge

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