Spiegel Online befragt Zukunftsforscher und entwirft entlang ihrer Antworten einen fiktiven Tagesablauf im Jahr 2037. Künstliche Intelligenz, Telepräsenz und Virtual Reality spielen in der Geschichte eine entscheidende Rolle. Doch wie realistisch sind die Vorhersagen für KI und VR?

Die wohl sicherste Prognose der Zukunftsforscher, die Spiegel Online befragte, ist jene für Künstliche Intelligenz: 2037 sollen fortschrittliche KI-Systeme als persönliche Assistenten ein fester Bestandteil des Alltags sein. Der KI-Assistent ist dann Sekretär, vernetzte Haushaltshilfe und Gesundheitsberater zugleich.

Diese Entwicklung ist gut absehbar, da sie linear verläuft. Es reicht, den aktuellen Stand der Technologie in die Zukunft zu verlängern: Zum Beispiel ist der Google-Assistent, trainiert mit den gigantischen Datenmengen des Internetkonzerns, innerhalb weniger Jahre von einer einfachen Spielerei zu einem mächtigen Sprach-Interface erwachsen.

Telepräsenz für Arbeit und Entertainment

Telepräsenz beschreibt die Möglichkeit, mittels einer technischen Lösung unabhängig vom physischen Standort gefühlt an einem anderen Ort zu sein. Sie ist der Grund, weshalb Facebook, Google und Co. gerade Milliarden US-Dollar in VR- und AR-Forschung investieren.

Im fiktiven Tagesablauf im Jahr 2037 ist Telepräsenz so fortschrittlich, dass sie sowohl auf der Arbeit als auch beim gemeinschaftlichen Entertainment eine entscheidende Rolle spielt.

Die erdachte Zukunftsperson der Spiegel-Prognose steuert tagsüber via Telepräsenz-System autonome Trucks auf der letzten Meile durch verschachtelte Innenstädte. Abends trifft sie sich mit Freunden zu einem Virtual-Reality-Trip auf den Mars. Dafür muss die Gruppe nichts weiter tun, als sich eine VR-Kontaktlinse ins Auge einzusetzen:

Für die Reise brauchen sie weder ein Spaceshuttle noch einen Astronautenanzug. Sie können bequem auf der Couch sitzen bleiben und brauchen nur ihre aktiven Kontaktlinsen einzusetzen. Sofort erscheinen virtuelle Räume und Welten vor ihren Augen. Mithilfe der Virtual-Reality-Linsen können Mia und ihre Freunde über den Planeten spazieren, sich die Marsstation anschauen und mit einem Geländetruck über die Sanddünen fahren. Ein virtueller Tourguide begleitet die Gruppe und erzählt ihnen spannende Geschichten über den roten Planeten. Spiegel Online

Die VR-Kontaktlinse: Nicht das sinnvollste Sci-Fi-Klischee

An dieser Stelle gerät das Zukunftskonstrukt ins Schwanken: Laut den befragten Forschern sollen schon in fünf bis zehn Jahren erste Kontaktlinsen mit “unbegrenzter Auflösung” auf den Markt kommen. Derzeit ist so eine VR-Kontaktlinse allerdings ein reines Sci-Fi-Klischee – zumindest ohne chirurgischen Eingriff – und technologisch ähnlich wahrscheinlich wie interstellare Raumfahrt. Der aktuelle Stand der Technik erlaubt es nicht einmal, eine formschöne Brille zu bauen. Michael Abrash, oberster Forscher bei Oculus VR, erinnert in diesem Kontext an die Grenzen der Physik.

Ohnehin ist das VR-Linsenkonzept nicht zu Ende gedacht: Wer in der Gegenwart regelmäßig eine VR-Brille nutzt, der weiß, dass der visuelle Eindruck für eine glaubhafte Virtual Reality zwar wichtig, aber nur ein Teilaspekt ist.

Für eine wirklich täuschend echte Computerwelt braucht es neben einer authentischen Optik auch eine glaubhafte Interaktion mit digitalen Objekten und Charakteren samt Haptik sowie eine natürliche Fortbewegung. Das sind alles Dinge, die eine Linse – sollte sie tatsächlich eines Tages gebaut werden können – im Alleingang nicht leisten kann.

Ergänzend zur Linse bräuchte es demnach einen Spezialanzug und einen realen Raum mit jeder Menge Platz. Die Wohnzimmer-Couch reicht für lebensechte Virtual Reality nur durch eine Kontaktlinse jedenfalls nicht aus.

Brillen sind eine Sackgasse – VR muss ins Gehirn

Wenn es die großen Techkonzerne wirklich ernst meinen mit einer möglichst realen Virtual Reality, werden sie eher früher als später abrücken vom konservativen Ansatz einer Brille oder Linse, die letztlich nicht mehr ist als ein ausentwickeltes Brillenkonzept.

Stattdessen werden sie direkt an das Interface andocken wollen, das auch unsere analoge Realität generiert: unser Gehirn. Die erste VR-optimierte Rechner-Hirn-Schnittstelle könnte sich zu aktuellen VR-Brillen so verhalten wie ein Imax-Dome zu einem Daumenkino. Gut möglich, dass erst ein Heureka-Moment beim Verständnis des menschlichen Gehirns der Virtual Reality zum Durchbruch verhilft. Stand jetzt ist so eine fortschrittliche Hirn-Schnittstelle aber ebenso reine Science-Fiction-Spekulation wie die VR-Kontaktlinse.

Aber: Facebook und Co. investieren in Hirnforschung und bauen Teams mit Neurowissenschaftlern auf. Der US-Milliardär Elon Musk gründete mit Neuralink ein Startup, das in den nächsten fünf bis zehn Jahren menschliche Gehirne über die Cloud miteinander vernetzen soll.

Wie stark würde mächtige Telepräsenz-Technologie die Gesellschaft verändern?

Im Kontext einer realistischen Telepräsenz für jedermann stellt sich eine weitere Frage, die in der Spiegel-Fiktion nicht berührt wird: Wenn die Menschheit Zugriff auf ein Medium hätte – ob Linse oder Hirnchip – mit dem sie jederzeit überall sein könnte, ohne dabei einen Unterschied zur analogen Realität zu bemerken – wie wahrscheinlich ist es dann, dass dieses Medium so konsumiert würde wie die neueste Netflix-Serie: abends zwei Stunden auf der Couch. Nicht besonders wahrscheinlich.

Viel eher würden Menschen ihr Leben sehr stark auf dieses neue Medium ausrichten, das ihnen unbegrenztes Erlebnispotenzial ohne großen finanziellen oder körperlichen Aufwand verspricht. Das würde unsere Gesellschaft, wie sie im Moment existiert, grundlegend verändern. Bis dahin sind VR und AR einfach nur technische Werkzeuge, die uns neue Möglichkeiten beim Umgang mit Computer-Inhalten bieten.


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