HTC Vive: Was Audioshield braucht, um eine Killer-App zu werden
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HTC Vive: Was Audioshield braucht, um eine Killer-App zu werden

von Tomislav Bezmalinovic2. September 2016

Audioshield ist eines der Spiele für HTC Vive, die ich stundenlang spielen könnte. Und das, obwohl das Spiel im Grunde nicht funktioniert, obwohl ihm nicht gelingt, das zu sein, was es eigentlich gerne sein wollte. Weshalb das so ist und was Audioshield meines Erachtens bräuchte, um eine Killer-App zu werden, will ich nachfolgend erläutern.

Ich stehe in einer Art Kolosseum, dessen glatte, digitale Ästhetik an Tron erinnert. In den Händen halte ich ein nach vorne leicht gewölbtes Kraftfeld, das in der linken Hand blau und in der rechten Hand rot leuchtet. In der Ferne brauen sich wie ein Unwetter nach und nach eine Legion blauer und roter Kugeln zusammen, die allmählich auf mich zurasen.

Beating the hell out of the beat

Das Besondere an Audioshield ist, dass sich diese Kugeln zum Rhythmus eines beliebigen, zuvor ausgewählten Musikstücks bewegen. Ich kann per In-Game-Browser auf Songs zugreifen, die entweder auf Soundcloud verfügbar sind oder in Form von MP3s auf meiner Festplatte gespeichert sind. Ein Algorithmus berechnet, in welcher Zahl, Geschwindigkeit und Reihenfolge die Kugeln bei mir eintreffen. Geschieht das, so zerschmettere ich sie – im Rhythmus der Musik- mit dem jeweiligen Schild. I’m beating the hell out of the beat, könnte man schon fast sagen.

Wenn das funktioniert, kann Audioshield zu einem einzigartigen, geradezu berauschenden, ja fast schon spirituellem Flow-Erlebnis werden, das mich mit der Musik verschmelzen und vollkommen vergessen lässt, dass es so etwas wie Zeit gibt. Wenn. Denn leider kommt es selten vor, dass der Algorithmus seine Arbeit sauber verrichtet.

Sollte sich der Algorithmus nicht nach der Musik, statt die Musik nach dem Algorithmus richten?

Auf Reddit stellen Spieler deshalb Listen von Songs zusammen, deren musikalische Struktur vom Algorithmus besonders gut erkannt werden soll. Aber auch im Spiel selbst kann man Songs empfehlen, die dann in einer Liste beliebter Titel auftauchen. Ich habe viele Stücke aus meiner privaten Musiksammlung und auch solche Songs ausprobiert, musste aber jedes Mal feststellen, dass Musik und Bewegung mehr oder weniger asynchron sind. Und überhaupt, sollte es sich hiermit nicht umgekehrt verhalten? Sollte sich der Algorithmus nicht nach der Musik, statt die Musik nach dem Algorithmus richten?

Das schlummernde Potenzial ausschöpfen

Audioshield kam im April dieses Jahres als Launch-Titel für HTC Vive heraus. Im Mai sind lediglich zwei kleinere Updates erschienen, die größtenteils Probleme beheben. Seither ließ der Indie-Entwickler Dylan Fitterer nichts mehr von sich hören. Das finde ich schade. Denn ich glaube immer noch, dass Audioshield das Zeug zur Killer-App hat und den Erfolg von Audiosurf, mit dem Dylan in der Vergangenheit einen veritablen Indie-Hit landete, bei weitem in den Schatten stellen könnte. Aber wie? Ich sehe vor allem eine Möglichkeit, das schlummernde Potenzial von Audioshield auszuschöpfen, auch wenn das Spiel sich dann erheblich von der automatisierten Software entfernt, die es heute ist.

Die Stichwörter heißen “Beat Map Editor” und “offene Plattform”

Die Stichwörter heißen “Beat Map Editor” und “offene Plattform”. Zugegeben, es war der Nutzer Reddit-User “iwiggums”, der zuerst die Idee hatte, Audioshield einen Beat-Map-Editor zu spendieren. Ein solcher Editor würde es der Community ermöglichen, für Songs selbst festzulegen, wann welche Kugel beim Spieler auftrifft. Natürlich unter Umgehung des Algorithmus. So könnten die erforderlichen Bewegungen präzise vordefiniert werden, sodass es beim Spielen zu einer perfekten Abstimmung von Rhythmus und Spielerbewegung käme. Damit wäre der Algorithmus zwar ausgehebelt, aber Audioshield täte endlich das, was es tun sollte. Bislang gibt es diesen Editor noch nicht.

Rock Band Network als Vorbild

Im Grunde entspricht dieses Vorprogrammieren einer “Bewegungspartitur” genau dem, was Harmonix mit Rock Band macht. Dass es hierfür keinen Entwickler braucht, hat Harmonix am Beispiel von Rock Band Network selbst gezeigt. Diese Plattform ermöglichte es Musikern, eigene Stücke in Rock Band zu importieren, sodass andere Nutzer sie spielen und sogar kaufen konnten. Hierfür stellte Harmonix eine Software bereit, mit der die zu spielenden Noten und deren zeitliche Abfolge genau definiert werden konnten.

Natürlich würde sich Audioshield damit sehr von dem entfernen, was es heute ist. Es würde zu einer offenen Plattform werden, zu einem Gefäß für die kreativen Energien seiner Community. Aber vielleicht braucht es genau das. Es wäre nicht das erste und das letzte Spiel in der Geschichte, das durch seine Community groß würde.

| Featured Image: Audioshield