Wie Maschinen unsere Erinnerungen begehbar machen werden
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Wie Maschinen sehen lernen und unsere Erinnerungen begehbar machen

von Tomislav Bezmalinovic3. November 2016

Dank Smartphones ist unser Leben so gut dokumentiert wie noch nie in der Geschichte der Menschheit. Nun könnten neue Technologien die Art und Weise revolutionieren, wie wir Erinnerungen festhalten.

Vor einem Monat hat der Betreiber des Messaging-Dienstes Snapchat ein neues Produkt angekündigt: Modische Sonnenbrillen, die im Gestell eine winzige Kamera verbaut haben. Mit den “Spectacles” lassen sich per Knopfdruck Weitwinkelvideos aus der Perspektive des Brillenträgers aufzeichnen. Das Unternehmen möchte damit verändern, wie Menschen Erinnerungen festhalten.

Die aktuelle Generation wird ihre Entwicklung in einer Fülle von Bildern und Filmen nacherleben können, die vorherigen Generationen nicht vergönnt war.

Smartphones haben es möglich gemacht, unser Leben auf Knopfdruck jederzeit und überall in Momentaufnahmen einzufangen. Die Spectacles dürften diesen Trend weiter verstärken, da man für die Videoaufzeichnungen nun kein Gerät mehr in der Hand halten muss.

Bereits heute ist unser Alltag so gut dokumentiert wie noch nie zuvor. Das gilt besonders für die jüngere und jüngste Generation, für die kaum ein Tag ohne einen digitalen Schnappschuss verstreicht. Wenn sie älter sind, werden diese Menschen ihre Entwicklung in einer Fülle von Bildern und Filmen nacherleben können, die vorherigen Generationen nicht vergönnt war.

Unverfälschte Erinnerungen

Neue Technologien könnten revolutionieren, wie wir Erinnerungen festhalten. Die Spectacles sind nur der erste Schritt: Das Sichtfeld der aufgezeichneten Videos ist begrenzt und man betrachtet sie auf dem kleinen, zweidimensionalen Bildschirm des Smartphones.

Umgibt einen die Bilderwelt von allen Seiten, entwickelt man automatisch das Bedürfnis, sich im dargebotenen Raum zu bewegen.

Weitaus effektiver darin, Erinnerungen authentisch einzufangen, sind Kameras, die Videos in vollen 360-Grad aufnehmen. Durch eine Virtual-Reality-Brille betrachtet, könnte man erneut in frühere Erlebnisse eintauchen. Die Freiheit des Rundumblicks könnte dabei Details offenbaren, die man beim ersten Mal übersehen hat, weil man in eine andere Richtung geblickt hat.

Das ist keine Vision einer fernen Zukunft, sondern bereits Realität. Samsung und viele andere Hersteller haben entsprechende 360-Kameras auf den Markt gebracht. Ein Manko haben diese Videos allerdings: Der Blickpunkt ist fix. Was bei Filmen, die man auf einer zweidimensionalen Leinwand betrachtet, nicht stört, wird bei Aufzeichnungen in 360-Grad als Einschränkung empfunden. Denn umgibt einen die Bilderwelt in der VR-Brille von allen Seiten, entwickelt man automatisch das Bedürfnis, sich im dargebotenen Raum zu bewegen.

Begehbare Filme

Eine Reihe von Unternehmen arbeitet an Kameratechnologien, die Videos begehbar machen können. Im September hat ein Startup namens “HypeVR” ein Kameragestell vorgeführt, das hochauflösende Videoaufnahmen in 360-Grad mit einem Hochleistungslaser kombiniert, der die Umgebung in einer Entfernung von bis zu 100 Metern abtastet.

Kameras, die volumetrische Videos aufzeichnen können, sind noch weit von der Marktreife entfernt.

Führt man die aufgezeichneten Farbinformationen der Filmkameras mit den räumlichen Daten zusammen, entsteht ein volumetrisches Video. Das Bewegtbild wird begehbar und ist nicht mehr an die Perspektive der Kameralinse gebunden. Würde ein Spielfilm mit dieser Technik aufgezeichnet, könnte man innerhalb einer Szene wie auf einer Theaterbühne herumgehen.

Das amerikanische Unternehmen “Lytro” arbeitet an einer ähnlichen Lösung, verwendet aber statt eines Lasers eine sogenannte Lichtfeldkamera, die die räumliche Tiefe über die Bewegung des einfallenden Lichts ermittelt.

Solche Wunderkameras sind noch weit von der Marktreife entfernt. Die Ausrüstung, die HypeVR und Lytro nutzen, beruht auf Protoypen, die für den Endverbraucher zu unhandlich und zu kostspielig sind.

Maschinen, die das Sehen lernen

Ein weiteres Problem bei solchen Videos ist die hohe Menge an Daten, die bei den Aufnahmen anfallen: Ein volumetrisches Lichtfeldvideo, das 30 Sekunden dauert, nimmt laut Lytro mehr als 50 GB in Anspruch – der kurze Clip hätte nicht einmal auf einer Blu-ray Disc ausreichend Platz. Mittels neuer Kompressionsverfahren, erhöhter Datenspeicher und 5G-Netzen dürfte dieses Problem jedoch in den Griff zu bekommen sein.

Noch dieses Jahr erscheint ein Smartphone, das begehbare Fotos schießen kann.

Mit dem Lenovo Phab2 Pro kommt im Dezember das erste Smartphone auf den Markt, das über eine Tiefenkamera verfügt und in der Hosentasche Platz hat. Die Technologie wurde über Jahre hinweg von Google entwickelt.

Maschinelles Sehen heißt das Teilgebiet der Informatik, das sich damit beschäftigt, Computern mittels Kameras und Algorithmen das Sehen beizubringen. Mit dem Tango-Smartphone kann man zwar keine volumetrischen Videos aufzeichnen, sehr wohl aber Räume und Umgebungen als begehbare Bilder oder Scans einfangen. Das ist ein erster Schritt.

Virtuelle Reisen in die Vergangenheit

Die Art und Weise, wie wir unser Leben festhalten, wird sich in den kommenden Jahren drastisch verändern. Facebook-CEO Mark Zuckerberg sagt: “Als ich meine ersten Schritte machte, haben meine Eltern einen Eintrag fürs Babybuch verfasst, meine Cousine hat ein Foto von ihrem Kind gemacht, meine Schwester ein Video. Ich werde von unserer Tochter ein 360-Grad-Video erstellen.”

In Zukunft könnten Menschen nachträglich ihrer eigenen Geburt beiwohnen.

Dank neuer Kameratechnologien werden Menschen dazu in der Lage sein, virtuell in die Vergangenheit zurückzureisen, um ihre Entwicklung erneut zu durchleben. Noch einmal selig auf dem eigenen Kindergeburtstag feiern. Mit auf der Bühne stehen, wenn man die erste Urkunde für was auch immer in die Hand gedrückt bekommt. Oder gar seiner eigenen Geburt beiwohnen. All das wird möglich sein. Immerhin wird bei dieser Art Zeitreise jede Art von Paradoxon vermieden, denn sie findet ja nur virtuell statt.

Die Frage nach dem Selbst

Diese Vorausschau wirft interessante Fragen auf. Was bedeutet es zum Beispiel für das Selbstbild eines Menschen, wenn Erinnerungen nicht mehr täuschen können? Wenn man in vergangene Ereignisse zurückgehen kann, um zu erfahren, was wirklich passiert ist? Wenn man verschwommene Erinnerungen plötzlich wieder glasklar sieht und man sie mit aktuellem Wissen neu bewerten kann?

Paradoxerweise dürfte es dann noch schwieriger werden, die eigene Identität zu bestimmen, zumal die Erinnerungen beweglich werden. Dies nicht nur, weil wir uns in ihnen umtun und dabei neue Dinge entdecken werden, sondern weil wir sie jedes Mal neu erleben. Eine Antwort auf die Frage nach dem Selbst zu finden, wäre dann mehr denn je uns selbst überlassen.

| Featured Image: 20th Century Fox / Universal Pictures | Film: Strange Days