Die VR-Erfahrung "Wilson's Heart" für Oculus Rift ist kein gutes Videospiel. Aber vielleicht will sie das gar nicht sein.
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Wie “Wilson’s Heart” ein neues Entertainment-Genre begründen könnte

von Matthias Bastian30. April 2017

“Wilson’s Heart” für Oculus Rift ist kein gutes Videospiel. Aber vielleicht will es das gar nicht sein.

Der VR-Psychothriller fällt genau in den Bereich, für den weder die Virtual-Reality-Branche noch ihre Kunden bislang die richtigen Worte gefunden haben. Wilson’s Heart spielt man nicht, man schaut es auch nicht an – man erlebt es.

Der Titel verknüpft Elemente aus Spiel und Film fließend. Der große Unterschied im Vergleich zu früheren Versuchen des “interaktiven Films”: man steht mit der VR-Brille mittendrin in der Szene, wird selbst zum Schauspieler. Den Protagonisten sieht man direkt in die digitalen Augen.

Das ist keine Randnotiz, sondern verändert nach Erzählung, Buch und Film grundlegend, wie man eine Story erfährt. Einige Male erwische ich mich dabei, wie ich im Stile eines Schauspielers meine Gestik – viel mehr die von Wilson – der Szene anpasse, obwohl es nicht verlangt ist.

Aktionen, die am Bildschirm fürchterlich banal wären – zum Beispiel einen Süßigkeitenautomaten schütteln, damit der steckengebliebene Schokoriegel herausfällt – sind in der VR-Welt unterhaltsam, da man selbst Hand anlegen kann, anstatt nur Knöpfchen zu drücken.

Zu linear für ein Spiel, zu interaktiv für einen Film?

Ähnlich wie bei einem Film ist der Aufbau der Erzählung komplett linear. Dem Nutzer bleibt keine andere Wahl, als einem fixen Pfad zu folgen und auf diesem Aktionen in einer vorgegebenen Reihenfolge auszulösen.

Wie bei einem flott erzählten Hollywood-Streifen eilt man in der Rolle von Wilson von einem Ereignis zum nächsten. Die Entwickler von Twisted Pixels gaben sich alle Mühe, Längen zu vermeiden. Das sorgt für eine hohe Dynamik – umgekehrt bleibt wenig Raum für Erkundung.

Wilson’s Heart ist vor allem eines: mutig!

Die ist im Konzept von Wilson’s Heart ohnehin nicht vorgesehen. Denn die Entwickler bestimmen mit vorgegebenen Standpunkten, welchen Teil der Wilson-Welt man näher betrachten darf und welchen nicht. In Windeseile teleportiert sich Wilson durch die unheilvolle Anstalt, wie in einem Film schneidet der Nutzer selbst von einer Einstellung auf die nächste.

Nach-vorne-Lehnen und den Kopf ausschalten

Diese Art der ruckhaften und schnellen Fortbewegung ist ein Zugeständnis an die VR-Übelkeit, aber eben nicht ausschließlich. Sie ist auch eine bewusste Entscheidung, um Wilson’s Heart zu einer VR-Erfahrung zu machen, die von jedermann erlebt werden kann.

Wie bei einem guten Film wird das Erlebnis auf das Wesentliche reduziert, in jeder einzelnen Szene geht es um den Kern der Sache. Füllmaterial sucht man in Wilson’s Heart vergeblich. Die VR-Erfahrung ist eine Aneinanderreihung von Ereignissen.

Großartig nachdenken und grübeln sollen die VR-Besucher ebenfalls nicht: Die Entwickler zeigen dem Nutzer zu jedem Zeitpunkt deutlich an, was zu tun ist, um die Handlung voranzutreiben.

Erfahrene Spieler zucken bei den so häufig banalen Rätseleinlagen und den leicht zu bestehenden Action-Sequenzen gelangweilt mit den Schultern. Wer sich zuvor jedoch nie mit Spielen beschäftigt und nicht gelernt hat, in der abstrakten Games-Logik zu denken, wird für die zahlreichen Hilfestellungen dankbar sein. Sie sind ein weiteres Indiz dafür, dass Twisted Pixels nie im Sinn hatte, ein klassisches Gaming-Erlebnis zu schaffen, sondern ein neues Entertainment-Format zu erforschen.

Der Markt wird entscheiden

Nun gibt es zwei mögliche Perspektiven auf das, was Wilson’s Heart versucht: Man wirft der VR-Erfahrung vor, dass sie weder Fisch noch Fleisch ist – zu linear für ein Spiel, zu interaktiv für einen Film. Die Kritik ist legitim und gerade Spieler, die auf der Suche nach klassischen Gaming-Erlebnissen mit VR-Brille sind, werden sich an der starken Führung und der ruckhaften Teleportation stören.

Wilson’s Heart ist einmalig, ein neues Format.

Oder man sieht Wilson’s Heart als Auftakt zu etwas Neuem, einer neuen Art, Storys und digitale Welten zu erfahren, bei der mit gängigen Konventionen bisheriger Formate gebrochen wird, sodass letztlich etwas entsteht, das sich den besten Elementen aus Spiel und Film bedient: Interaktion mit Wirkung und einer hohen Dynamik bei der Erzählstruktur.

Twisted Pixels und Oculus VR gebührt Respekt dafür, dass sie mit dem mutigen Wilson’s Heart einen ersten Vorschlag machen, wie VR-Entertainment zukünftig aussehen könnte. Eines lässt sich mit Sicherheit sagen: Wilson’s Heart ist einmalig, ein vergleichbares Format existiert nicht. Letztlich wird der Markt entscheiden, ob es eine Zukunft hat.

| Featured Image: Oculus VR / Twisted Pixels

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