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Windows Mixed Reality: Die wichtigsten Fakten im Überblick

von Tomislav Bezmalinovic2. September 2017

Am 17. Oktober fällt der Startschuss für Windows Mixed Reality. Wir geben Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Was ist Windows Mixed Reality?

Windows Mixed Reality ist eine neue Softwareplattform für Windows 10, die das Betriebssystem auf neue Technologien wie Virtual und Augmented Reality vorbereitet.

Diese Technologien verbindet, dass sie digitale Inhalte nicht mehr flach, sondern räumlich begreifen. Microsofts Vision ist eine digitale 3D-Umgebung mit einheitlichem Interface, auf die man sowohl mit VR- als auch mit AR-Brillen zugreifen kann. Diese Vision beschrieb Microsoft erstmals in einem Werbevideo aus dem Sommer 2016 (siehe unten). Darin ist die hauseigene AR-Brille Hololens zu sehen, die nur in einer Entwicklerversion erhältlich ist und 3.000 Euro kostet.

Microsoft startet am 17. Oktober mit dem Verkauf von VR-Brillen, die eigens für Windows Mixed Reality entwickelt wurden. Die Geräte werden nicht von Microsoft, sondern von Hardwarepartnern hergestellt und verkauft.

Weshalb spricht Microsoft von Mixed Reality?

Mixed Reality ist Microsofts Oberbegriff für Technologien wie Virtual und Augmented Reality. Unter ihn fallen sämtliche Mischformen aus realer und digitaler Welt. Im Video unten verdeutlicht Microsoft dieses Konzept einer neuen Computerplattform, die einen stufenlosen Wechsel zwischen realer, digital erweiterter und rein virtueller Umgebung erlaubt.

Dass Microsoft die kommenden VR-Brillen (siehe Artikelbild) als “Mixed-Reality-Brillen” bezeichnet, ist hingegen irreführend. Windows Mixed Reality ist zwar der Name der Softwareplattform. Die Geräte beherrschen jedoch lediglich die vollimmersive Virtual Reality und sind (noch) nicht dazu gedacht, Elemente der digitalen und realen Welt zu vermischen.

Dass Microsoft dennoch von Mixed-Reality-Brillen spricht, liegt laut Greg Sullivan daran, dass die Brillen ihre Umgebung dank integrierter Kameras wahrnehmen und Elemente der realen Welt in die Simulation integrieren. Darüber ließe sich streiten. Sicher ist, dass Microsoft eine Technologie anstrebt, die Elemente der realen und digitalen Welt stufenlos miteinander vermischt.

So eine Alleskönnerbrille ist jedoch noch in weiter Ferne. Bislang hat nicht einmal Microsofts reine Augmented-Reality-Brille Hololens die Marktreife erlangt.

Was geschieht am 17. Oktober?

An diesem Tag erscheint das vierte große Update für Windows 10, das sogenannte “Fall Creators Update”. Es bringt volle Softwareunterstützung für die VR-Brillen, die von diversen Hardwarepartnern für Windows Mixed Reality produziert werden.

Der 17. Oktober ist zudem der offizielle Verkaufsstart der VR-Brillen, auch wenn noch unklar ist, welche Geräte am Launchtag tatsächlich verfügbar sein werden.

Was für VR-Brillen gibt es für Windows Mixed Reality?

Bislang haben Acer, Asus, Dell, HP und Lenovo Geräte angekündigt. Ein Leak vom 26. September zeigt zudem eine Windows-Brille von Samsung.

Die VR-Brillen unterscheiden sich technisch und preislich nur geringfügig voneinander. Beim Design und Tragekomfort gibt es zum Teil deutliche Abweichungen. Samsungs VR-Brille besitzt den geleakten Bildern zufolge integrierte Kopfhörer von AKG.

Bei allen VR-Brillen standardmäßig verbaut sind zwei LCD-Displays mit knapp 3 Zoll, die mit jeweils 1.440 x 1.440 Pixel pro Auge auflösen und bis zu 90 Bilder pro Sekunde darstellen. Das ist eine etwas höhere Auflösung als bei HTC Vive und Oculus Rift (1.080 x 1.200 Pixel pro Auge). Dafür ist das Sichtfeld etwas enger (95 Grad vs. circa 100 bis 110 Grad), was in einem stärkeren Tauchermaskengefühl resultiert.

Über ein HDMI- und USB-Kabel werden die Geräte mit dem PC verbunden und können danach sofort eingerichtet werden. Zusätzliches externes Trackingzubehör wie bei Oculus Rift und HTC Vive wird nicht benötigt, da sich die VR-Brillen über zwei Frontkameras im Raum orientieren.

Für den schnellen Wechsel zwischen virtueller und realer Welt kann die Vorderseite einer Windows-VR-Brille wie ein Visier hoch- und heruntergeklappt werden. Bei Oculus Rift und HTC Vive ist das nicht möglich.

Was für einen Computer brauche ich für Windows Mixed Reality?

Microsoft teilt kompatible Rechner in zwei Kategorien ein: Windows Mixed Reality PCs und Windows Mixed Reality Ultra PCs. In die erste Kategorie fallen PCs, die die Minimalanforderungen zum Betrieb der VR-Brillen und Windows Mixed Reality erfüllen (siehe Tabelle unten).

Wer einen Rechner dieser Kategorie verwendet, muss jedoch mit Einschränkungen bei der Darstellung von Windows Mixed Reality rechnen. So werden VR-Inhalte nur mit 60 statt 90 Bildern pro Sekunde angezeigt, was Nutzer auf den Magen schlagen kann.  Zusätzlich wird die Multi-Tasking-Fähigkeit des Rechners stark eingeschränkt und es können nur eine begrenzte Anzahl Programme parallel betrieben werden.

Bei PCs der Ultra-Kategorie fallen diese Einschränkungen weg. Microsoft stellt Nutzern eine Windows-App zur Verfügung, mit der sich überprüfen lässt, ob der eigene PC genug Leistung für die neue Plattform bietet. Die App findet man hier.

Windows Mixed Reality PCsWindows Mixed Reality Ultra PCs
BetriebssystemWindows 10 Fall Creators Update – Home, Pro, Business, EducationWindows 10 Fall Creators Update – Home, Pro, Business, Education
Prozessorab Intel Core i5 7200U (Notebook-Prozessor) oder Dual-Core-Prozessor mit Hyper-Threading Technologyab Intel Core i5 4590 oder Quad Core AMD Ryzen 5 1400 3,4 Gigahertz
Arbeitsspeicher ab 8 GB DDR3 Dual Channelab 8 GB DDR3
Festplattenplatz 10 GB 10 GB
Grafikkarteab Integrated Intel HD Graphics 620ab NVidia GTX 960/1050 oder AMD RX 460mit diskreter DX12-fähiger GPU
Videoanschlüsse1 x  HDMI oder 2x Display Port 1.2 und1 x  HDMI oder 2x Display Port 1.2
USB-Anschlüsse1 x USB 3.0 Typ-A oder Typ-C 1 x USB 3.0 Typ-A oder Typ-C
 BluetoothBluetooth 4.0 Bluetooth 4.0

Genauere Informationen zu den Spezifikationen findet man hier.

Wie viel kosten die VR-Brillen und wann erscheinen sie?

Die Preise und das Veröffentlichungsdatum stehen noch nicht für alle VR-Brillen fest. Mit Ausnahme der Asus-Brille, die erst im Frühjahr 2018 erscheint, sollen alle Geräte noch 2017 in den Verkauf gehen.

VR-BrillePreisVeröffentlichung
Acer300 US-Dollar ohne 3D-ControllerEnde 2017
Asus450 Euro mit 3D-ControllernFrühjahr 2018
Dell Visor450 US-Dollar mit 3D-Controllern17. Oktober 2017, Vorbestellung gestartet (USA/UK)
HP330 US-Dollar ohne 3D-ControllerEnde 2017, Entwickleredition wird bereits in den USA verkauft
Lenovo Explorer450 US-Dollar mit 3D-ControllernEnde 2017
Samsungunbekanntunbekannt

Brauche ich sonst noch Zubehör?

Ja, Microsofts Virtual-Reality-Controller. Die Geräte sind zwar keine zwingende Voraussetzung für den Betrieb, werden aber dringend empfohlen. Ohne die räumlich erfassten Controller funktionierten die meisten VR-Anwendungen und -Spiele nicht.

Deshalb will Microsoft alle VR-Brillen in einem Bundle mit den Controllern auf den Markt bringen. Das Bundle ist circa 100 Euro teurer als der Einzelpreis der VR-Brille.

Separat werden die Controller voraussichtlich circa 100 Euro kosten. Diesen Preis sollte man zu den VR-Brillen hinzurechnen. Insgesamt kostet der Einstieg in Windows Mixed Reality also 400 bis 450 Euro, abhängig vom Modell der VR-Brille.

Wie sieht Windows Mixed Reality aus?

Startet man in die Windows Mixed Reality, hat man nicht den klassischen Windows-Desktop vor sich, sondern findet sich in einer dreidimensionalen, digitalen Umgebung wieder, die als Portal für sämtliche Anwendungen dient.

Zur Auswahl stehen sowohl herkömmliche 2D-Apps wie Word oder Excel als auch für Virtual Reality optimierte Anwendungen. 2D-Inhalte werden auf einem virtuellen Screen angezeigt.

Die Mixed-Reality-Umgebung ist derzeit einem offen gebauten und begehbaren Wohnraum mit Meerblick nachempfunden (“Cliff House”). Hier lassen sich Anwendungen an Wände pinnen oder der Windows-Desktop anzeigen. In einem Kinosaal kann man sich Filme oder Fernsehshows ansehen. Das folgende Video zeigt die Umgebung im Detail.

Was für Software bietet Windows Mixed Reality?

Interessanter als klassische 2D-Apps sind Anwendungen und Spiele, die speziell für Virtual Reality entwickelt wurden. Wie Microsoft vor kurzem ankündigte, werden Mixed-Reality-Nutzer Zugang zur SteamVR-Softwarebibliothek sowie diversen VR-Plattformen erhalten, die schon seit längerem für HTC Vive und Oculus Rift geöffnet sind. Laut jüngsten Berichten aber erst nach dem Launch verfügbar sein. Wann genau, ist nicht bekannt.

Microsoft kündigte außerdem an, dass das firmeneigene AAA-Studio 343 Industries Halo-bezogene VR-Erfahrungen für Windows-Brillen entwickeln wird. Die Spieleschmiede ist seit 2011 für alle Halo-Spiele verantwortlich. Um was für Projekte es sich handelt und ob sie exklusiv für Windows Mixed Reality erscheinen, ist nicht bekannt. Natürlich wird auch Microsofts Minecraft für Windows Mixed Reality zur Verfügung stehen.

WMR_Inhalte

Einige der von Microsoft angekündigten VR-Anwendungen – und Plattformen. BILD: Microsoft

Über einen Software-Hack, der ursprünglich für HTC Vive entwickelt wurde, könnten Nutzer zudem Zugriff auf exklusive Oculus-Apps erhalten. Wie gut und umfassend die Kompatibilität mit Vive- und Rift-Software sein wird, ist derzeit nicht bekannt.

Umgekehrt ist noch nicht klar, ob HTC Vive und Oculus Rift Windows Mixed Reality unterstützen werden. Zwar bietet Microsoft das offiziell an, allerdings reagierten bislang weder Oculus noch HTC auf die Einladung.

Windows-VR-Brille statt HTC Vive oder Oculus Rift kaufen?

Ausführliche Tests zu den Windows-Brillen und Microsofts VR-Controllern wurden noch nicht veröffentlicht. Daher gibt es noch viele offene Fragen zur Qualität der Displays, der Präzision und Verlässlichkeit des Trackings und der Auswahl und Kompatibilität der Software.

Stärken der Windows-Brillen sind der meist schmale Formfaktor, das geringe Gewicht unter 400 Gramm und dass man das Gehäuse jederzeit hochklappen kann. Bei Oculus Rift und HTC Vive ist der Wechsel zwischen virtueller und realer Welt umständlicher.

Der größte Vorteil der Windows-Brillen ist jedoch das integrierte Trackingsystem. Man muss keine externen Kameras (Oculus Rift) oder Basisstationen (HTC Vive) im Raum aufbauen. Ob das Tracking der Windows-Brillen jedoch ebenso präzise und verlässlich arbeitet wie beim Wettbewerb, ist noch nicht geklärt. Erste Hands-On-Berichte von Entwicklern oder von Messen sind sehr positiv.

Ebenfalls unklar ist, wie präzise und insbesondere beständig das Tracking der VR-Controller ist. Die Eingabegeräte werden über die Frontkameras der VR-Brille erfasst. Wenn sie aus dem Sichtfeld der Kameras geraten, funktioniert die Bewegungserfassung nur noch eingeschränkt. Ob das in bestimmten VR-Anwendungen zu einem Problem wird, ist noch nicht in letzter Konsequenz bekannt.

Bei der Displayauflösung haben die Windows-Brillen die Nase leicht vorne, bieten dafür jedoch nur einen LCD- und keinen OLED-Screen. OLED-Displays sind normalerweise die erste Wahl für Virtual Reality, weil sie keine Nachzieheffekte haben. Eine neue Technologie namens “Impulse Backlighting” soll diesen Nachteil laut Microsoft ausgleichen können. Wie sich die LCDs der Windows-Brillen in der Praxis schlagen, müssen ausführliche Tests zeigen.

Der vielleicht größte Nachteil der Windows-Brillen im Vergleich zu Oculus Rift und HTC Vive: Das Sichtfeld ist etwas schmaler (circa 95 Grad vs. 100 bis 110 Grad bei Rift und Vive), sodass man eher das Gefühl hat, die virtuelle Umgebung durch eine Tauchermaske zu betrachten.

Erste Tests beschreiben zudem, dass Microsofts VR-Controller weniger ergonomisch und gut verbaut sind wie die der Konkurrenz. Gerade Oculus bietet sehr hochwertige VR-Controller, die gut in der Hand liegen und teilweise Bewegungen einzelner Finger erkennen.

Valve kündigte für Steam VR einen völlig neuartigen VR-Controller an, der wahrscheinlich 2018 erscheint. Er wird um den Handrücken geschnallt und bietet neben den üblichen Buttons und Touchpads auch ein vollwertiges Fingertracking. Aufgrund des unterschiedlichen externen Trackingsystems wird Valves neuer VR-Controller voraussichtlich nicht mit den Windows-VR-Brillen kompatibel sein.

Beim Marktstart im Oktober dürften die Windows-Mixed-Reality-Brillen der günstigste Einstieg in hochwertige Virtual Reality mit dem PC sein. Der Bundlepreis für Oculus Rift und die VR-Controller Oculus Touch liegt bei 590 Euro, also rund 150-200 Euro über dem des Windows-Pakets. HTC Vive kostet 700 Euro, die VR-Controller sind im Preis inbegriffen.

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