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Wireless-VR: Drahtlosadapter TPCast für HTC Vive im Test

von Christian Steiner14. August 2017

Als der chinesische Hersteller TPCast einen Wireless-Sender für HTC Vive ankündigte, war meine Freude groß. Zwar habe ich mittlerweile völlig unbewusst gelernt, elegant mit dem Kabel zu tanzen, aber einfacher ist immer besser. Wie gut funktioniert TPCast?

Beim Verkaufsstart des Senders stellte sich Ernüchterung ein, da TPCast nur innerhalb Chinas verschickte. Das machte mich stutzig: Sofort drängte sich mir der Gedanke auf, dass der Preis für Wireless-VR womöglich eine Mikrowelle auf dem Kopf ist, die in anderen Ländern keine Freigabe bekommt (mittlerweile wurde sie erteilt, Testergebnisse zur Emission stehen hier).

Das Versprechen von TPCast klingt einfach zu gut, um wahr zu sein: Trotz der Drahtlosübertragung soll es keine Kompression der Bilddaten und keine spürbare Latenz geben. Das 60-Ghz-System schickt bis zu 3,5 Gigabyte pro Sekunde durch die Luft – das sind eine Menge Daten.

Todesmutig angelte sich Kollege Jan-Keno Janssen von heise.de den Drahtlosadapter über einen exklusiven China-Kontakt. Ich wartete einige Wochen die möglichen Spätfolgen seines Drahtlosexperiments ab.

Als er mir versicherte, dass er seit seinem Test nicht vermehrt unter Kopfschmerzen leidet, bat ich das Versuchskaninchen um sein Testgerät, um meine eigenen Erfahrungen mit kabelloser Virtual Reality zu machen.

Vorher schickte ich meine Frau und meine Kinder raus auf den Spielplatz. Man weiß ja nie.

Wireless-VR: Toll für gut betuchte Enthusiasten

Der Kaufpreis über 250 US-Dollar ist schon eine hohe Einstiegshürde für das Luxuszubehör. Der komplexe Aufbau macht dann endgültig klar, dass der Drahtlosadapter eine Hardware für besonders begeisterte VR-Enthusiasten ist.

Die Installation geht zwar prinzipiell reibungslos von der Hand, dennoch ist sie umständlich und aufwendig. So muss ein eigenes TPCast-Netzwerk samt Server-Dienst konfiguriert und ein recht klobiger WLAN-Router am Schreibtisch aufgebaut und mit dem PC über ein Netzwerkkabel verbunden werden.

Hinzu kommt ein Wireless-Sender, der möglichst hoch und gut sichtbar in der Mitte der Trackingfläche positioniert sein muss und der über ein HDMI-Kabel mit dem Rechner verbunden wird.

Wirelessbusters

Beim ersten Ausflug in Wireless-VR fühlt man sich wie einer der Ghostbusters, der seine Ausrüstung für die Gespensterjagd anlegt.

Die Rüstzeit für einen kabellosen Ausflug in die Virtual Reality ist enorm.

Sender ausrichten, check. Stirnband mit Empfänger an der Vive, check. Einstecken der Vive an eine rund 350 Gramm schwere Powerbank, check. Festclippen der Powerbank am Gürtel (den braucht man unbedingt), check. VR-Brille auf, Kopfhörer rein – puh, endlich geschafft.

Die Rüstzeit für einen kabellosen Ausflug in die Virtual Reality ist enorm. Hat man alles angelegt, kann man theoretisch zwei bis drei Stunden in VR verweilen – so lange hält der Akku durch.

Slow-VR klappt gut …

Der erste Eindruck ist überraschend positiv. Ich hatte mit Bildartefakten oder einer spürbaren Latenz bei der Übertragung gerechnet. Bei den vielen Werbeversprechen war ich vorsichtig, aber in puncto Performance liefert TPcast.

Ich startete zuerst das VR-Spiel “Job Simulator”. Bei der Comic-Optik würden grafische Defizite und Kompression sofort auffallen, ebenso wie eine zusätzliche Latenz aufgrund der vielen Handinteraktionen. Nach den ersten Testminuten ist klar: Es gibt keinen wahrnehmbaren Unterschied zu Kabel-VR – bei langsamen Bewegungen.

… schnelle Bewegungen zeigen die Grenzen auf

Aussetzer beim Tracking oder Bildartefakte können provoziert werden, indem man das System unter Stress setzt und übertrieben schnell mit den Händen wedelt oder mit der VR-Brille herumspringt.

Das gleiche Phänomen tritt auf, wenn der Sender nicht optimal auf die Trackingfläche ausgerichtet ist und Gegenstände oder Personen zwischen Sender und Empfänger sind.

Ich wechselte von Job Simulator zum Ballerspiel “Space Pirate Trainer”, denn hier verlangt das Spielprinzip schnelle Reaktionen und Bewegungen. Wie vermutet, kam es deutlich häufiger zu Bildaussetzern und gefühlt auch zu einer stärkeren Latenz der 3D-Controller.

Das Weltall-Piratentraining war zwar nicht unspielbar, aber hätte ich mir das Gerät voller Vorfreude auf Wireless-VR für 250 US-Dollar gekauft, ich wäre spätestens zum jetzigen Zeitpunkt enttäuscht gewesen. Eine Neuausrichtung des Senders hatte keinen Einfluss auf die Performance.

Fazit: Für wen ist TPCast geeignet?

TPCast eignet sich für besonders begeisterte Enthusiasten, die in Summe gerne mehrere tausend Euro in Virtual Reality investieren, ohnehin immer die neueste Hardware benötigen und die sich noch dazu sehr stark am Kabel stören.

Nicht gedacht ist TPCast für den Normalnutzer mit Durchschnittshardware, der sich VR-Spiele nur im Steam Sale leisten will. Da ist es klüger, das Geld für die nächste Generation VR-Brille beiseitezulegen, die vermutlich noch mit Kabel kommt, dafür aber andere, wichtigere Verbesserungen bieten wird.

Wenn TPCast optimal funktioniert, ist die neue Bewegungsfreiheit ein deutlicher Zugewinn.

Etwas anders ist die Situation im Business-Bereich, beispielsweise beim Einsatz von VR auf Messen. Eine kabellose VR-Brille ist ein Vorteil, wenn man Laien in die Virtual Reality schickt. Allerdings erhöht die Komplexität beim Aufbau die Fehleranfälligkeit. Gerade bei Messen kommt es bei vielen aufeinander prallenden Drahtlosprotokollen häufig zu störenden Interferenzen.

In VR-Arcades dürfte der Drahtlosadapter die verlässliche Kombination aus Rucksack-PC und Kabelbrille nicht schlagen können, auch wenn TPCast bereits eine Business-Edition angekündigt hat, die mehrere Brillen gleichzeitig mit Daten beliefern kann.

Trotz all der Kritik: TPCast ist ein wichtiger Schritt in Richtung einfachere Virtual-Reality-Erlebnisse. In den Momenten, in denen der Drahtlosadapter optimal funktioniert, ist die neue Bewegungsfreiheit ein deutlicher Zugewinn.

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