Die interaktive und multisensorische VR-Installation "Jack, Part One" trumpft mit echten Schauspielern in der Virtual Reality auf. Ein geniales Erlebnis. VR-Bloggerin Polar Weiß war dabei.

Die interaktive und multisensorische VR-Installation “Jack, Part One” trumpft mit echten Schauspielern in der Virtual Reality auf. Ein geniales Erlebnis. VR-Bloggerin Pola Weiß war dabei.

Autorin: Pola Weiß,  bloggt bei VRGeschichten.de

Ich gehe mitten durch Manhattan. Um mich herum all die Bilder, die man sofort im Kopf hat, wenn jemand „New York City“ sagt: gelbe Taxis, verhetzte Geschäftsleute, Hochhäuser, Zebrastreifen, Ziegelwände. Hinter einer dieser vorhanglosen Fensterfronten ist sie, die Virtual Arcade des Tribeca Film Festivals.

Obwohl es noch rund 45 Minuten hin sind, bis sich die Türen zum ersten Mal für das Publikum öffnen, wartet schon ein halbes Dutzend Leute in der Reihe. Ich stelle mich zu ihnen und wir zittern gemeinsam im kalten New Yorker Wind.

Punkt 12 Uhr geht es los. Nacheinander lassen wir unsere Tickets einscannen. Und dann heißt es: rennen, bloß der oder die Erste sein. Denn die Plätze sind begrenzt. Das gilt insbesondere für die Projekte, die schon im Vorfeld Schlagzeilen gemacht haben wie die VR-Filme „Arden’s Wake: Tide’s Fall“ und „Vestige“.

Der begehrteste Wartelisten-Platz ist der für Jack, Part One. Es soll eine „bahnbrechende Erfahrung“ sein, „die man erleben muss, um sie zu glauben“. So wird sie mit großen Worten auf der Tribeca-Webseite angepriesen.

Nun stehe ich also vor einer der bestbewachten Türen in New York: Es ist eine grau-weiße Holztür, aus der in regelmäßigen Abständen ein unheimlichen Grollen und Poltern zu hören ist. Hinter dieser Tür erwartet mich Jacks Welt.

Für diese VR-Erfahrung haben sich mit den Baobab Studios, preisgekrönt für ihre VR-Kurzfilme „Invasion“ und „Asteroids!“, und dem VR-Künstler Mathias Chelebourg zwei wahre Könner zusammengetan.

Das hat sich ausgezahlt: Jack ist die große Attraktion in diesem Jahr. Und als ich endlich durch die Holztür gehen darf, wird mir schnell klar, weshalb.

Reale Schauspieler in der Virtual Reality machen Jack zur großen Attraktion

In der virtuellen Realität betrete ich einen kleinen Raum. Es ist ein winziges Häuschen, notdürftig aus ein paar Brettern zusammengezimmert.

In der Mitte des Raumes steht ein wackliger Hocker, an der Wand lehnt eine Matratze. Daneben steht ein gusseiserner Ofen mit einem Wasserkocher. Und dann stoße ich mit dem Kopf an die Glühbirne, die von der Decke herunterhängt. Tatsächlich, es ist alles echt!  Per Tracking in die virtuelle Welt gebracht.

Dann passiert das Unglaubliche: Ich unterhalte mich mit einer virtuellen Figur.

Als ich mich gerade aufs Bett setzen will, erscheint ein großer, grüner Frosch und schreit mich an. Es ist „meine“ Mutter. Ich bin Jack. Sie drückt mir einen Besen in die Hand und zwingt mich, das Häuschen zu fegen. Widerstand zwecklos, ich spiele mit.

Dann geschieht das Unglaubliche: „Meine“ Mutter und ich, Jack, reden miteinander. Obwohl ich es vorab gelesen hatte, trifft es mich dennoch ganz unvermittelt: Das Bewusstsein, dass ich mich nicht alleine im Raum befinde.

Mir gegenüber ist eine Schauspielerin, die dank Motion-Capture-Anzug und mehreren Kameras als Frau Frosch in meiner Brille erscheint.

Die Mimik der Schauspielerin wurde in Echtzeit auf ihren digitalen Avatar übertragen. Bild: Baobab Studios (Screenshot)

Die Mimik der Schauspielerinnen wurde mit speziellen Gesichtskameras in Echtzeit auf ihren digitalen Avatar übertragen. Bild: Baobab Studios (Screenshot)

Radio gegen Bohnen

Nach einigen Minuten lässt sie mich allein, jedoch nicht ohne mir eine Aufgabe zu geben. Ich soll ihr wertvolles Radio verkaufen, um Geld für etwas Essen zu beschaffen.

Schon bald erscheint ein Händler in einem fliegenden Gefährt, das mich stark an ein Piratenschiff erinnert, an meinem Fenster. Ein zwielichtiger Rabe. „Hey, kleiner Mann“, krächzt er und bietet mir einen Tausch an: mein Radio gegen eine magische Bohne.

Erst will ich das Radio nicht hergeben – ich kann es doch überall mit mir herumtragen und alle Knöpfe drücken! Doch dann gibt mir der Händler die fußballgroße Bohne in die Hand. Wie sie riecht, frisch und grün. Ich willige ein.

Wie magisch, wie mitreißend.

Bis heute frage ich mich, was wohl passiert wäre, hätte ich mich geweigert. Ob das Stück dafür ein alternatives Ende gehabt hätte? Oder wäre ich irgendwie gezwungen worden, die Bohne zu nehmen?

Wie auch immer: Meine Mutter kommt zurück und ist alles andere als glücklich über mein Geschäft. Als sie die Bohne voller Wut aus dem Fenster wirft, geschieht etwas Wundersames. Sie keimt, es dröhnt und wackelt. Und schon bald thront unser Häuschen auf einer riesigen Bohnenpflanze, die innerhalb von Sekunden aus dem Boden geschossen ist. Ende, Fortsetzung folgt.

Mehr immersives Theater als VR-Film

Zugegeben, so ganz neu ist die Idee nicht, echte Schauspieler in eine VR-Erfahrung einzubinden. War doch letztes Jahr mit „Draw me Closeein ähnlicher Aufbau bei Tribeca zu erleben. Und Regisseur Mathias Chelebourg hatte im Herbst 2017 schon auf dem Venice VR Festival mit „Alice: The Virtual Reality Play“ vorgelegt.

Jack erfindet das Rad also nicht neu. Dennoch: VR-Erfahrungen wie Jack setzen einen neuen Maßstab in Punkto Interaktivität. Es ist so natürlich, sich mit einer Person aus Fleisch und Blut in der Virtual Reality zu unterhalten. Mit technischer wie erzählerischer Perfektion zeigt Jack, wie immersiv VR sein kann. Wie magisch, wie mitreißend.

Für mich sind diese Projekte die Zukunft von ortsbasierter Virtual Reality: VR verlässt die Filmwelt und rückt deutlich näher ans immersive Theater. Ich kann kaum erwarten, die Fortsetzung zu sehen.

Einen Nachteil gibt es allerdings: Das VR-Theater ist sehr aufwendig und daher immer nur für eine begrenzte Anzahl Zuschauer zu sehen. Für Betreiber eines VR-Theaters wäre es wohl eine Herausforderung, ein gutes Finanzierungsmodel zu finden – aber sicher nicht unmöglich.

CNET hat mit der Kamera eingefangen, was hinter der Brille bei Jack passiert.

Über die Autorin:

Pola Weiß arbeitet als Freiberuflerin in Berlin und schreibt auf ihrem Blog VR Geschichten über Storytelling in Virtual Reality. Bevor sie zurück in ihre Wahlheimat Berlin gezogen ist, war sie drei Jahre lang freie Redakteurin beim SWR Fernsehen in Baden-Baden. Dort hat sie Kulturdokumentationen, Dokumentarfilme und Online-Projekte für den SWR, Das Erste und Arte betreut. Gute Geschichten, egal in welchem Medium, sind ihre Passion.

Mehr zu den Tribeca VR-Erfahrungen:

| Featured Image: Baobab Studios (Screenshot)


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