Google, Samsung und zuletzt Microsoft: Sie fahren die Investitionen in Virtual Reality schrittweise zurück. Dabei bräuchte die aufkeimende VR-Industrie gerade jetzt die Unterstützung der großen Tech-Akteure.

Digility 2018

Mit Virtual Reality schnell das große Geld verdienen? 2015 schien das noch möglich, folgte man den Analysten und der allgemeinen Begeisterung um das neue Medium.

Heute sieht die Realität anders aus. Zwei Jahre nach Marktstart dürften etwa fünf Millionen Highend-Brillen im Umlauf sein. Sony konnte drei Millionen Einheiten von Playstation VR verkaufen, während Oculus, HTC und Microsoft zusammengenommen etwa zwei Millionen Geräte abgesetzt haben könnten.

Genaue Zahlen sind nicht bekannt, ebensowenig wie das Nutzerverhalten, das noch wichtiger ist: Die Frage, ob die VR-Brillen nach dem Kauf regelmäßig genutzt werden oder in der Schublade verschwinden.

Von einem sich selbst tragenden Markt kann jedenfalls nicht die Rede sein: Virtual Reality ist noch nicht flügge und bedarf der Unterstützung seitens Industriegrößen wie Sony, Oculus und HTC. Diese Unternehmen pumpen Millionen ins Ökosystem, in der Hoffnung, eine kritische Masse an Nutzern zu gewinnen.

Technologie als Stolperstein

Woran liegt es, dass Virtual Reality nur so langsam in die Gänge kommt? Die Gründe wurden unzählige Male genannt: der hohe Anschaffungspreis, die fehlenden AAA-Inhalte, die komplizierte Einrichtung der Geräte.

Eine ebenso wichtige, wenn nicht sogar die wichtigste Rolle, spielt der technische Reifegrad und der Nutzungskomfort der VR-Brillen. Eine massen- oder zumindest spielertaugliche VR-Brille und ein funktionierendes VR-Betriebssystem müssen erst noch entwickelt werden.

Das stellt sich als schwieriger heraus, als vor drei Jahren noch viele dachten. Zurückblickend war 2016 das Jahr, in dem Virtual Reality einen Neuanfang wagte. Das Jahr ihrer technischen Vollendung liegt noch weit entfernt.

Virtual Reality entwickelt sich rasend schnell

Misst man den Erfolg der ersten Generation VR-Geräte an ihrem technischen Reifegrad, so kann die Industrie dennoch stolz darauf sein, was sie in gut zwei Jahren erreicht hat. Fünf Millionen verkaufte VR-Brillen klingen dann gar nicht mal so schlecht.

Bei der Hard- und Software hat sich ebenfalls viel getan: Die App Stores führen eine Vielzahl hochwertiger Titel. Jährt sich der neueste Anlauf der Virtual Reality im Frühjahr 2019 zum dritten Mal, könnte mit Oculus Santa Cruz die erste mobile VR-Brille auf den Markt kommen, die den vollen Funktionsumfang eines Highend-Geräts bietet, aber keines PCs oder externer Sensoren bedarf. Wer hätte das Anfang 2016 schon für möglich gehalten?

Marktbeobachter, Journalisten und Fans: Sie betrachten die Marktentwicklung mit einem Mikroskop und vergessen darüber die größeren, zeitlichen Zusammenhänge – und dass zwei Jahre eine sehr kurze Zeit sind, gemessen am Vorhaben, eine neue Computerplattform zu etablieren.

Der Mythos technologischer Unausweichlichkeit

Um sich der Mängel aktueller VR-Technologie bewusst zu werden, reicht ein Blick auf Microsofts VR-Politik. Einem Bericht zufolge war der mangelhafte technische Reifegrad der Hauptgrund dafür, dass Microsoft auf VR-Unterstützung für die Xbox One X verzichtete.

Eine VR-Brille mit einem ordentlichen, aber nicht herausragenden Display und störenden Kabeln ähnlich Playstation VR war Microsoft nicht gut genug. Ein solches Produkt hätte das Xbox-Nutzererlebnis beeinträchtigt.

Dieser Argumentation kann man folgen. Aber was ist die Alternative? Man kann warten, bis die Technologie besser und der Markt profitabler wird.

Das Problem ist jedoch, dass technologischer Fortschritt und Marktwachstum nicht von selbst passieren. Märkte werden gemeinsam geschaffen: Es ist eine kollektive Anstrengung, zu der aktuell nur noch Sony, Oculus und HTC im größeren Stil bereit zu sein scheinen.

Facebooks VR/AR-Forschungsleiter Michael Abrash machte im Oktober 2016 auf Oculus’ Hausmesse deutlich, weshalb ein solches Engagement unabdingbar ist.

Bei seinem Vortrag bezeichnete er die Idee technologischer Unausweichlichkeit als einen Mythos: Technologie entwickle sich nicht von selbst, sie sei vielmehr das Ergebnis der Anstrengung intelligenter Individuen, “die zum richtigen Zeitpunkt an den richtigen Problemen arbeiten.”

In diesem Sinne ist es bedauerlich, dass sich wichtige Marktteilnehmer teilweise oder ganz zurückziehen und andere den steinigen Acker bearbeiten lassen.

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