Das Zenfone AR ist das erste Smartphone, das mit Daydream und Tango beide Google-Standards für Virtual und Augmented Reality unterstützt.
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Zenfone AR im Test: Eine Hololens für die Hosentasche?

von Matthias Bastian6. August 2017

Mit dem Zenfone AR bringt Asus das erste Smartphone auf den Markt, das mit Daydream und Tango beide Google-Standards für Virtual und Augmented Reality unterstützt. Lohnt sich der Kauf?

Nur ein weiteres Highend-Smartphone?

Das Zenfone AR ist ein wertiges Smartphone – das sollte es auch sein bei einem Preis von rund 900 Euro. Es liegt gut in der Hand und ist trotz seiner Größe (158,7 x 77,7 x 8,95 mm) recht leicht (170 Gramm). Das Betriebssystem ist eine optisch und funktional leicht angepasste Version von Android 7.0.

Das kratzfeste AMOLED-Display ist 5,7 Zoll groß und löst mit 2.560 x 1.440 Pixeln auf, das entspricht einer Pixeldichte von 515 PPI (Pixel/Zoll). Der große Screen ist speziell für Augmented-Reality-Anwendungen ein Muss, da man so mehr sieht von den digitalen Einblendungen im Raum.

Qualitativ überzeugt das Display, nur in puncto Helligkeit (357 cd/m²) kommt das Zenfone nicht an die Flaggschiff-AMOLED-Geräte von Samsung wie das S8 heran (1.000 cd/m²). In Innenräumen fällt das nicht auf, bei starkem Sonnenlicht büßt die Lesbarkeit des Displays etwas ein.

Die Kamera schießt mit einer Auflösung von 23 Megapixeln, einem optischen Bildstabilisator, Autofokus und Dual-LED-Blitz gute Fotos. Videos werden in der höchsten Qualitätsstufe mit 4K bei 30 FPS aufgezeichnet. Die Frontkamera löst mit acht Megapixeln auf.

Mit dem Snapdragon 821 hat das Zenfone nicht den neuesten Qualcomm-Prozessor (835) verbaut, für die Alltagsnutzung bietet der Chip aber mehr als genug Leistung.

Der Akku hat 3300 mAh und übersteht im Normalgebrauch locker einen Arbeitstag. Dank Schnellladefunktion via USB-Type-C ist das Zenfone AR in rund zwei Stunden wieder einsatzbereit. Im physischen Home-Button ist ein Fingerabdruckscanner untergebracht, der schnell und verlässlich funktioniert.

Der Arbeitsspeicher liegt bei 6 Gigabyte und der interne Speicher bei 128 Gigabyte. Er kann mit einer MicroSD-Karte auf 256 Gigabyte erweitert werden.

Na, schon gelangweilt?

Und, etwas bemerkt? Genau! Bis zu diesem Punkt scheint das Zenfone AR komplett austauschbar mit beinahe jedem anderen Highend-Smartphone der letzten Jahre. Vergleichbare Geräte gibt es mittlerweile haufenweise am Markt. Welches man kauft, ist im Prinzip egal – die Leistung ist immer ähnlich.

Die Qualität der Smartphone-Kamera ist derzeit vielleicht der größte Differenzierungsfaktor der Branche – und selbst hier rücken die Hersteller immer dichter zusammen. Keine Frage, der Smartphone-Markt stagniert heftig.

Und genau an diesem Punkt kommt die Tango-Unterstützung des Zenfone AR ins Spiel. Sie ist die erste echte Smartphone-Innovation seit einer Ewigkeit.

Augmented Reality mit Google Tango und dem Zenfone AR

Die Tango-Innovation sitzt auf der Rückseite des Zenfone AR in Form einer zusätzlichen Weitwinkellinse und einer 3D-Tiefenkamera. In Kombination mit der standardmäßigen RGB-Kamera und den extra empfindlichen Bewegungssensoren kann sich das Zenfone AR punktgenau im Raum verorten und digitale Objekte perspektivisch korrekt in der Umgebung verankern. Gesteuert wird die Sensor-Kombination vom Tango Core, einer Software ähnlich Apples ARKit.

Auf der Rückseite erkennt man die drei Tango-Kameras. Bild: Asus

Auf der Rückseite erkennt man die drei Tango-Kameras inklusive 3D-Scanner. Bild: Asus

Die Weitwinkellinse ist dabei für die Bewegungserkennung (Mitte unten) zuständig – übernimmt also das Tracking – und die 3D-Kamera (rechts außen, TOF) misst Distanzen und die Tiefe des Raumes. Sie scannt die Umgebung mit einem Infrarotlicht und erstellt in Echtzeit ein 3D-Gitternetz eines Raumes.

In dieses Gitternetz können AR-Apps anschließend die digitalen Objekte integrieren. Wenn das optimal klappt, hat man beim Blick durchs Smartphone-Display tatsächlich den Eindruck, dass digitale und reale Umgebung miteinander verschmelzen. Leider gelingt diese Illusion nur selten.

Sinnvolle Augmented-Reality-Apps sind Mangelware

Weder ist die Auswahl an Tango-Apps groß und aufregend, noch bieten die vorhandenen Anwendungen einen deutlichen Mehrwert. Da wäre beispielsweise die Lineal-App, mit der man die Dimensionen von realen Gegenständen mit dem Smartphone vermessen kann. In der Theorie ist das eine nützliche Anwendung und eine gute Ergänzung zur Killer-App Taschenlampe, der wohl am häufigsten genutzten Smartphone-App überhaupt.

In der Praxis ist es leider deutlich verlässlicher, den guten alten Zollstock aus dem Schrank zu holen. Zu häufig erkennt die Tango-Lineal-App den Startpunkt für die Messung nicht korrekt oder registriert die Kante nicht, entlang derer sie messen soll.

Google wäre gut beraten, dem App-Spam frühzeitig einen Riegel vorzuschieben

Schon jetzt ist der Tango-Store voll mit solchen unfertigen und zum Teil fehlerhaften Apps, deren Mehrwert sich nicht offenbart. Google wäre gut beraten, dem App-Spam frühzeitig einen Riegel vorzuschieben und eine bessere Qualitätskontrolle einzuführen.

Was ist beispielsweise der Vorteil eines Tango-Spiels, das gar nicht in die Realität eingebettet ist, sondern komplett digital stattfindet und nur die Trackingsensoren des Zenfone AR für die Kamerasteuerung nutzt? Mit dem Smartphone durch den Raum zu laufen, um eine Spielewelt zu entdecken, ist kein Mehrwert, sondern eine unnötige Verkomplizierung vorhandener Steuerungsmethoden.

Die drei Ms der Augmented Reality: Mode, Möbel und Maschinen

Die Tango-Technologie glänzt immer dann, wenn sie statische Objekte fix im Raum auf einer möglichst freien und glatten Oberfläche verankern kann. Das klappt gut bei Möbeln, einem Fahrrad-Konfigurator oder den animierten Kurzvideos der Holo-App.

Ist das digitale Objekt einmal richtig platziert, dann funktioniert die Illusion einer digital erweiterten Realität, solange man den Blick nicht vom Smartphone-Display hebt. Das Inside-Out-Tracking von Tango arbeitet präzise, eine Latenz ist nicht spürbar.

Gerade mit der Holo-App können coole Videos erstellt werden, die – wenn man sich bei der Aufnahme clever anstellt – tatsächlich für einen kurzen Moment den Eindruck erwecken, dass ein Wrestler in der Tür steht oder ein Tiger auf dem Teppich liegt. Erst auf den zweiten Blick enttarnt man die digitalen Einblendungen als Computergrafik.

Einige Anwendungen deuten das Potenzial von Tango an

Interessant ist die App des Modemachers Gap, mit der digitale Büsten im Raum platziert und angekleidet werden können. Mit dem Smartphone in der Hand kann man um die Büste herumlaufen und das Kleidungsstück in 3D anschauen. Auf Details zoomt man intuitiv ein, indem man einfach näher an die Büste herantritt.

Stellt man die Büste auf die eigene Körpergröße ein, bekommt man im Vergleich zum herkömmlichen Foto auf dem Monitor einen viel besseren Eindruck davon, wie das Kleidungsstück am Körper fällt und in der Realität wirkt.

In Hinblick auf die Veröffentlichung des ARKits im Herbst dürfte es nicht lange dauern, bis andere Modehäuser und Online-Shops ähnliche Anwendungen auf den Markt bringen. Apple nannte bereits das Möbelhaus Ikea als Entwicklungspartner für Augmented Reality – aus gutem Grund, denn dieses Anwendungsszenario funktioniert tatsächlich sehr gut.

Die faszinierende Welt der 3D-Fotografie

Mit Abstand am interessantesten finde ich derzeit den umgekehrten Weg der Augmented Reality: Anstatt digitale Objekte in die reale Umgebung zu platzieren, gibt es eine Reihe von 3D-Scanning-Apps, mit denen die reale Umgebung in Echtzeit in 3D eingescannt werden kann.

Für das folgende 3D-Modell habe ich einen Teil meines Raumes gescannt, ohne dabei auf alle Details und maximale Genauigkeit zu achten. Der Scanvorgang dauerte wenige Minuten.

Zugegeben, dieser 3D-Scan sieht er aus wie moderne Kunst und nicht wie ein überzeugendes 3D-Foto, die Details gehen völlig unter. Dennoch gibt er mir das Gefühl, dass das der erste Schritt ist hin zu einer völlig neuen Art, wie Menschen ihre Umgebung in Bildern festhalten.

Die unfertigen 3D-Scans erinnern mich an mein erstes Nokia Kameratelefon 7650 (2002), ausgerüstet mit einem 0.3 Megapixel-Sensor und einer Auflösung von 640 × 480 Pixeln. Die Fotos der Kamera waren kaum ansehbar. Dennoch war mir schon nach dem ersten Auslöser klar, dass ich kein Smartphone mehr ohne Fotolinse kaufen würde.

15 Jahre später knipsen Smartphone-Kameras so hochwertig, dass die Aufnahmen je nach Motiv kaum mehr von teuren Profikameras zu unterscheiden sind. Wenn die Entwicklung bei 3D-Fotos ähnlich verläuft, werden Menschen zukünftig Erinnerungen, Momente und Gegenstände auf völlig neue Art festhalten und weitergeben können.

Ähnlich faszinierend wie die Scanning-Apps ist die Video-App Spectra, mit der man künstlerisch wertvolle 3D-Punktewolke-Videos aufnehmen und den Blickwinkel nachträglich verschieben kann.

Die technischen Fähigkeiten von Tango werden noch nicht ausgereizt

Geht man rein vom Datenblatt aus, beherrscht Tango bei der Platzierung digitaler Objekte sogar die Verdeckung durch reale Gegenstände. Stellt man einen digitalen Stuhl an einen realen Tisch, könnte beispielsweise je nach Blickwinkel ein Teil des Stuhls vom Tisch verdeckt werden.

Glaubhafte Verdeckung brächte die AR-Illusion mit Tango auf ein höheres Qualitätsniveau

Bislang setzt allerdings keine Tango-App diese Funktion um. Die digitalen Objekte leuchten durch alle realen Gegenstände hindurch, sogar durch Wände. Womöglich verzichten Tango-Entwickler aufgrund der geringen Auflösung und Framerate der 3D-Kamera auf den Effekt oder er verbraucht zu viel Leistung und Akku.

Bei den meisten Apps feuert der 3D-Sensor nur einmal zum Start der Anwendung und reicht das dabei entstandene 3D-Gitternetz an die Software weiter. Das ist schade, denn glaubhafte Verdeckung brächte die AR-Illusion mit Tango auf ein höheres Qualitätsniveau.

Ein weiterer Minuspunkt: Im Tango-Betrieb wird das Zenfone AR sehr heiß. Das ist zum einen auf Dauer unangenehm in der Hand, zum anderen geht der Akku schnell zur Neige.

Tango kann mehr als Apples ARKit – aber wen interessiert es?

Die 3D-Kamera ist der wichtigste Unterschied zu Apples ARKit, das in der einfachsten Version mit einer Kameralinse nur flache Oberflächen registriert. Potenziell ist Augmented Reality mit Tango genauer und dynamischer als mit Apples Software-Lösung, da die Dimensionen eines Raumes nicht nur abgeschätzt, sondern präzise in 3D vermessen und gespeichert werden.

Die Frage ist jedoch, ob Smartphone-Nutzer dieser technische Vorteil interessiert, wenn Ende des Jahres unzählige Entwickler für über 350 Millionen iPhones AR-Anwendungen programmieren und die maximale Leistung aus dem ARKit quetschen, während das Potenzial von Tango weitgehend brach liegt. Derzeit sind nur zwei Geräte am Markt, die Googles AR-Technologie unterstützen.

Google Daydream ist integriert und funktioniert

Das Zenfone trägt aus gutem Grund AR für Tango und nicht VR für Daydream im Namen. Klar, die AR-Funktion hat noch Seltenheitswert und lässt sich somit besser vermarkten. Hinzu kommt aber, dass Tango trotz zahlreicher Unzulänglichkeiten viel faszinierender ist als die sehr einfachen VR-Erlebnisse, die Daydream ermöglicht.

Wer auf 360-Videos steht, hat mit dem Zenfone AR in Kombination mit Daydream View ein gutes Abspielgerät, insbesondere dank der hervorragend umgesetzten YouTube-App.

Für wirklich immersive VR-Erlebnisse ist Daydream View aufgrund der fehlenden Positionserkennung und dem einfachen 2D-Controller nicht geeignet. Spieler dürften die simplen Games in Googles Virtual-Reality-Portfolio schnell langweilen. Für Gelegenheitsspieler ist die Barriere zu groß, für jede Gaming-Session die Stoffbrille aufzuziehen. Die Frage nach der Zielgruppe von Smartphone-VR bleibt weiter unbeantwortet.

Grundsätzliche Qualitätsunterschiede zwischen Googles Pixel-Smartphone und dem Zenfone AR sind mir im Daydream-Betrieb nicht aufgefallen. Wer mehr über Daydream erfahren will, kann hier meinen Test nachlesen.

Fazit: Teures Spielzeug für Enthusiasten

Tango ist ein Augmented-Reality-Gimmick mit einem hohen Experimentier- und Entdeckungsfaktor. Weder die Hard- noch die Software ist ausgereift. Wer eine fertige Augmented-Reality-Umgebung erwartet, sollte keine 900 Euro für das Zenfone AR ausgeben.

Experimentieren und Entdecken

Das AR-Smartphone ist vergleichbar mit dem ersten Oculus-Rift-Entwicklerkit. Es ist eine Machbarkeitsstudie und ein interessanter Ausblick auf das, was kommen könnte. Das Smartphone ist ein guter Kauf für Enthusiasten und Entwickler, die den Fortschritt von Augmented Reality von Anfang an begleiten wollen.

Erfreulich ist, dass das Zenfone AR nicht nur als Tango-Abspielgerät taugt, sondern als Highend-Smartphone im Alltag gute Dienste leistet. Wer also ohnehin auf der Suche nach einem neuen Smartphone und neugierig auf Tango ist, macht mit dem Zenfone AR einen guten Kauf. Dem ersten Tango-Gerät – dem Lenovo Phab 2 Pro – ist es allemal deutlich überlegen.

Letzte Aktualisierung am 18.10.2017 / Affiliate Links / Bilder von der Amazon Product Advertising API / Preis inkl. MwSt., zzgl. Versandkosten

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